Es ist still heute. Ein kühler Herbsttag. Die Art Stille, in der man die eigenen Gedanken fast hören kann, wie sie sich gegen die Wände der Seele lehnen. Ich sitze hier mit diesem Wort aus dem Epheserbrief vor mir: „Wir kämpfen ja nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut.” Es liegt schwer und leicht zugleich auf meinem Herzen. Lesen wir den ganzen Bibeltext: “Wir kämpfen ja nicht gegen ‹Menschen aus› Fleisch und Blut, sondern gegen dämonische Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher der Finsternis, gegen die bösartigen Geistwesen in der unsichtbaren Welt” (Epheser 6,12).
Schwer, weil es mich daran erinnert, wie oft ich genau das getan habe. Leicht, weil es eine Tür öffnet zu etwas Größerem, zu einer Wahrheit, die mich aus der Enge meiner eigenen Verletzungen herausruft.
Ich denke an die Sonntage. An die Gottesdienste, in denen ich saß und mich fühlte wie ein Fremder in einem Land, dessen Sprache ich eigentlich sprechen sollte. Ich liebe Jesus. Ich brenne für ihn. Manchmal so sehr, dass es wehtut. Und genau das scheint das Problem zu sein. Dieser Hunger wird nicht geteilt. Er wird beäugt. Er macht andere unruhig. Als wäre Leidenschaft für Gott etwas Peinliches, etwas, das man besser dosiert zeigt.
Es gibt einen Begriff dafür, den ich erst lernen musste: die Gemeindewunde. Ein Wort, das so viel erklärt und doch keine Wunde schließt. Es gibt lediglich dem einen Namen, was viele von uns still in sich herumtragen. Diese tiefe Enttäuschung. Diese bleibende Verwirrung. Warum fühlt sich der Ort, an dem ich Jesus eigentlich am nächsten sein sollte, manchmal so unerträglich fern von ihm an?
Und dann kommt dieses Wort. Paulus schreibt es in einer Zeit, in der die Gemeinde bedrängt wurde, von außen und von innen. Er schreibt es an Menschen, die kämpfen. Und er sagt ihnen: Ihr kämpft, ja. Aber nicht gegen die Menschen, die ihr vor euch seht. Nicht gegen die Geschwister, die euch enttäuschen. Nicht gegen die Pastoren, die euch nicht verstehen. Nicht gegen die Strukturen, die euch einengen.
Zugegeben: Das ist ein radikaler Ansatz, der mich jedes Mal aufs Neue herausfordert. Denn mein allererster, tief verwurzelter Impuls ist es stets, sofort einen Schuldigen ausfindig zu machen. Jemanden, dem ich die schwere Last meiner eigenen Enttäuschung auf die Schultern legen kann, um mich selbst frei zu fühlen. Da ist zum Beispiel die christliche Gemeinde, die in ihrem Engagement viel zu lau und gleichgültig erscheint. Oder es sind die einzelnen Christen, die in ihrem Glaubensleben zu oberflächlich und bequem geworden sind. Vielleicht ist es auch das gesamte kirchliche System, das in seiner gegenwärtigen Verfassung einfach keine starken, hingebungsvollen Jünger mehr hervorbringt.
Und ja, wenn ich ganz ehrlich bin, stimmt das alles in gewisser Weise. Es gibt unbestreitbar gravierende Probleme, die man nicht einfach ignorieren kann. Es gibt starre Strukturen, die das geistliche Leben förmlich ersticken, anstatt es zu fördern und wachsen zu lassen. Es gibt überholte Traditionen und Dogmen, die den lebendigen Geist oft unter einem Berg von leeren Formen und eingefahrenen Gewohnheiten begraben. Aber Paulus sagt mit unerwarteter Klarheit und Tiefe: Das ist nicht dein eigentlicher Kampf, den du hier im Außen so verbissen austrägst.
Ich spüre, wie sich in mir sofort etwas innerlich sträubt und heftig gegen diesen unbequemen Gedanken wehrt. Weil es doch im Grunde so viel unendlich einfacher wäre, wenn ich einfach jemanden eindeutig anklagen könnte. Wenn ich mit dem Finger auf andere zeigen und sagen könnte: Sie ganz alleine sind das eigentliche Problem. Dann müsste ich nämlich nicht schmerzhaft hinsehen auf das, was in mir selbst im Verborgenen vorgeht. Dann müsste ich mir nicht die unangenehme Frage stellen, ob meine tiefe Enttäuschung vielleicht auch aus meinen eigenen unrealistischen Erwartungen kommt, aus meinem eigenen tiefen Stolz und aus meiner ganz persönlichen Ungeduld, die niemals warten will.
Und trotz allem lautet die heutige Botschaft: Lass dir deinen Hunger nicht nehmen. Das ist der erste Zuspruch, den ich heute gehört habe. Und er trifft mich tief. Denn ich habe oft gespürt, wie dieser Hunger leiser wurde. Nicht weil Jesus weniger geworden wäre, sondern weil ich müde wurde. Müde vom Erklären. Müde vom Anderssein. Müde vom Hoffen, dass jemand versteht.
Aber dieser Hunger ist kostbar. Er ist ein Geschenk. Er kommt nicht aus mir selbst. Er ist das Echo einer Begegnung, die mein Leben verändert hat. Und niemand hat das Recht, ihn mir zu nehmen. Auch ich selbst nicht. Auch nicht durch Resignation. Auch nicht durch Bitterkeit.
Deshalb lautet meine Botschaft an dich heute: Mach andere Christen nicht zum Feindbild. Kommen wir zum zweiten Zuspruch. Er schmerzt, weil er die Wahrheit trifft. Wie oft habe ich andere innerlich verurteilt. Wie oft habe ich gedacht: Sie verstehen es einfach nicht. Sie wollen es gar nicht begreifen. Sie geben sich mit ihrer Halbherzigkeit zufrieden. Mag sein, dass das in manchen Momenten zutrifft. Doch es steht mir nicht zu, darüber zu richten. Es ist nicht meine Aufgabe, über die Herzen anderer zu urteilen.
Paulus erinnert mich immer wieder kraftvoll daran, dass ich tatsächlich einen echten Feind in diesem Leben habe. Aber es ist ganz gewiss nicht der liebe Bruder, der friedlich neben mir in der sonndäglichen Kirchenbank sitzt und betet. Es ist ebenso wenig die hingebungsvolle Schwester, die meinen persönlichen Eifer für den Glauben vielleicht nicht im gleichen Maße teilt. Es handelt sich vielmehr um eine weitaus größere, deutlich dunklere und extrem raffinierte Macht, die im Verborgenen wirkt. Eine böswillige Macht, die ganz genau will, dass ich mich in blinder Wut gegen meine eigenen Geschwister wende. Sie ist es, die unbedingt will, dass ich am Ende völlig isoliert bleibe. Sie ist es auch, die tief in meinem Inneren eine tiefe Verbitterung säen möchte.
Und genau das darf ich nicht zulassen. Bleib flexibel. Der dritte Zuspruch. Er klingt fast zu einfach. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erkenne ich seine Weisheit. Flexibel bleiben heißt nicht, prinzipienlos zu werden. Es heißt nicht, den Hunger nach Gott zu verraten oder Kompromisse zu machen, die meine Seele verkaufen. Es heißt, nicht zu erstarren. Nicht zu verhärten. Nicht zu verzweifeln.
Es bedeutet, dass ich bereit bin, neue Wege zu gehen. Neue Formen von Gemeinschaft zu suchen. Neue Räume, in denen mein Hunger nach Jesus nicht irritiert, sondern geteilt wird. Es bedeutet, dass ich Gott zutraue, mich zu führen, selbst wenn die gewohnten Strukturen mich nicht mehr halten können.
Und vielleicht heißt es auch, dass ich lerne, Gemeinschaft nicht nur dort zu suchen, wo sie perfekt ist. Denn die wird es nicht geben. Nicht in dieser Welt. Nicht in dieser Zeit. Jede Gemeinde besteht aus Menschen, die auf dem Weg sind. Menschen, die kämpfen. Menschen, die scheitern. Menschen, die immer wieder neu anfangen müssen.
Ich denke an Jesus. Wie er mit seinen Jüngern umging. Sie haben ihn so oft nicht verstanden. Sie haben geschlafen, als er betete. Sie haben gestritten, wer der Größte sei. Sie haben ihn verlassen, als es gefährlich wurde. Und doch hat er sie nicht aufgegeben. Er hat sie nicht zum Feindbild gemacht. Er hat gewusst, dass der eigentliche Kampf ein anderer war.
Das lehrt mich etwas. Es lehrt mich Geduld und Demut. Es führt mir vor Augen, dass auch ich oft den Weg nicht verstehe, zu langsam begreife oder von Ängsten zurückgehalten werde. Und wenn Jesus mich dennoch nicht aufgibt, wie könnte ich es dann wagen, andere aufzugeben? Doch es zeigt mir auch, dass ich nicht in Umständen verbleiben muss, die meine Seele ersticken. Jesus hat seine Jünger nie dort belassen, wo er sie fand. Er hat sie zu sich gerufen, in Bewegung versetzt und ihnen gezeigt, dass Nachfolge stets auch Aufbruch bedeutet.
Vielleicht liegt hier meine heutige Aufgabe. Nicht länger gegen Menschen zu kämpfen. Nicht an festgefahrenen Strukturen zu verzweifeln. Sondern aufzubrechen. Zu suchen. Zu finden. Zu gestalten. Neue Räume zu eröffnen, Gemeinschaften zu stiften und Formen des Miteinanders zu leben, in denen der Hunger nach Gott nicht als Bedrohung, sondern als Segen verstanden wird.
Vielleicht gehört zu all dem auch ein weiterer, stiller Schritt, den ich mir eingestehen muss. Dass Nachfolge heute nicht nur in Kirchenbänken, Hauskreisen oder stillen Zimmern geschieht, sondern mitten in den digitalen Räumen, in denen Menschen sich zeigen, verlieren, suchen, verletzen und manchmal auch finden. Dass ich lerne, meinen Glauben dort ebenso wahrhaftig zu leben wie im Alltag. Nicht laut, nicht belehrend, sondern gegenwärtig.
Mit einem Herzen, das hört, bevor es spricht. Mit Worten, die nicht spalten, sondern sammeln. Denn auch dort, in den flüchtigen Strömen der sozialen Medien, sind Menschen, die hungern. Menschen, die ringen. Menschen, die eine Berührung Gottes brauchen, vielleicht ohne es zu wissen. Und vielleicht ruft Jesus mich gerade dort hin – nicht um zu kämpfen, sondern um Frieden zu säen. Nicht um zu urteilen, sondern um zu tragen. Nicht um mich zu verlieren, sondern um ihm Raum zu geben, wo so vieles laut ist und doch so viel Leere bleibt.
Und manchmal schämt es mich tief, wenn ich sehe, wie wir als bibeltreue Christen miteinander umgehen, sobald wir uns hinter Bildschirmen verbergen. Wie schnell wir einander verdächtigen, verurteilen, bekämpfen. Wie leicht aus Geschwistern Gegner werden, nur weil ein Satz anders klingt, ein Bibelvers anders gewichtet wird, eine Tradition anders gelebt wird.
Ich spüre dann etwas Bitteres in mir, weil ich weiß, dass wir damit das Herz dessen verletzen, dem wir doch folgen wollen. Dass wir den Leib Christi zerreißen, während wir behaupten, ihn zu verteidigen. Und ich frage mich, wie wir vor der Welt glaubwürdig von Gnade sprechen wollen, wenn wir sie einander nicht gewähren. Vielleicht beginnt echte Nachfolge heute auch damit, dass ich mich nicht an diesem Lärm beteilige. Dass ich lerne, stiller zu werden, langsamer zu urteilen, schneller zu vergeben. Und dass ich mich schäme – nicht um darin zu bleiben, sondern um mich neu ausrichten zu lassen auf den Weg, den Jesus uns gezeigt hat: den Weg der Sanftmut, der Geduld, der Liebe, die nicht nach dem ersten Fehler aufgibt.
Und dabei nie zu vergessen: Der Feind ist nicht aus Fleisch und Blut. Der Feind ist die Lüge, die mich isolieren will. Die Lüge, die mir sagt, ich sei allein. Die Lüge, die mir sagt, mein Hunger sei falsch. Die Lüge, die mir sagt, es gäbe keine Hoffnung für echte Gemeinschaft.
Diese Lügen bekämpfe ich. Mit Gebet. Mit Geduld. Mit Treue zu dem, der mich gerufen hat. Und mit der Bereitschaft, anderen die Hand zu reichen, die vielleicht genauso einsam sind wie ich — unter Glaubensgeschwister.
Ich möchte beten: Herr Jesus, du weißt um die Schmerzen, wenn Gemeinschaft zerbricht und Vertrauen enttäuscht wird. Du kennst die Einsamkeit, die man selbst mitten unter Menschen empfinden kann. Lass meinen Hunger nach dir nicht erlöschen und bewahre mein Herz davor, bitter zu werden. Schenke mir die Kraft, für das Richtige einzustehen, und die Liebe, wo das Miteinander schwerfällt. Führe mich an den Ort und zu den Menschen, mit denen ich meinen Glauben leidenschaftlich leben kann. Amen.
Wer seinen Hunger nach Gott bewahrt, wird nie ganz verloren sein.
Gelobt und gepriesen sei der Herr.