Heute habe ich wieder gebetet: Herr, erlöse mich von dieser Lust. Befreie mich von dieser Sünde, die mich immer wieder zu Fall bringt. Ich habe dieses Gebet schon so oft gesprochen. Hunderte Male vielleicht. Und doch bin ich hier, wieder einmal gefallen, wieder einmal beschämt, wieder einmal am Boden.
Es ist eine merkwürdige Qual, diese Wiederholung. Nicht die einmalige Niederlage schmerzt am meisten, sondern die endlose Wiederkehr. Das Gefühl, in einem Kreislauf gefangen zu sein, aus dem es kein Entkommen gibt. Ich bete, ich bereue, ich verspreche Besserung. Und dann, nach Tagen oder Wochen oder manchmal nur Stunden, bin ich wieder an derselben Stelle. Derselbe Kampf, dieselbe Versuchung, dieselbe Niederlage.
Manchmal frage ich mich: Warum erlöst Gott mich nicht einfach? Wenn Er allmächtig ist, wenn Er mich liebt, warum lässt Er mich dann in diesem Kampf? Warum nimmt Er nicht einfach diese Lust von mir weg, diese Neigung zur Sünde, diese Schwäche, die mich immer wieder zu Fall bringt?
Die Antwort, die ich in der Stille höre, ist nicht die, die ich mir wünsche. Sie ist schwerer, tiefer, fordernder. Gott sagt nicht: Ich werde dich sofort befreien. Er sagt: Ich bin bei dir in diesem Kampf. Er nimmt die Last nicht einfach weg, aber Er trägt sie mit mir.
Das ist zunächst enttäuschend. Ich will Befreiung, Erleichterung, Sieg. Ich will aufwachen und spüren, dass die Versuchung verschwunden ist, dass ich endlich frei bin. Aber so funktioniert es meistens nicht. Der Kampf bleibt. Die Versuchung kommt wieder. Und ich muss lernen, dass Heiligkeit nicht die Abwesenheit von Versuchung ist, sondern die Treue im Kampf.
Paulus kannte diesen Kampf. Er schrieb davon, wie er das Gute tun wollte, aber das Böse tat: “„Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl vermocht, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Römer 7,18–19). Wie in seinen Gliedern ein anderes Gesetz wohnte, das gegen das Gesetz seines Geistes stritt. Er, der große Apostel, der so viel für Christus litt und wirkte, kannte diesen inneren Zwiespalt. Und sein Aufschrei ist auch der meine: Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?
Aber Paulus blieb nicht bei der Klage stehen. Er gab auch die Antwort: Dank sei Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. Die Erlösung kommt nicht durch meine Anstrengung, nicht durch meine Willenskraft, nicht durch meine Frömmigkeit. Sie kommt durch Christus. Nur durch Ihn.
Das ist die Wahrheit, die ich immer wieder vergesse, gerade wenn ich im Kampf stehe. Ich denke, ich müsste es aus eigener Kraft schaffen. Ich denke, wenn ich nur stark genug wäre, fromm genug, diszipliniert genug, dann könnte ich die Sünde besiegen. Aber genau das ist die Falle. Denn solange ich auf meine eigene Kraft vertraue, bleibe ich in der Niederlage gefangen.
Ohne Gott komme ich da nicht raus. Das ist keine fromme Floskel, sondern eine nüchterne Tatsache. Ich habe es oft genug versucht. Ich habe Vorsätze gefasst, Strategien entwickelt, mich selbst zu kontrollieren versucht. Manchmal funktioniert es für eine Weile. Aber dann kommt der Moment der Schwäche, der Moment der Müdigkeit, der Moment, in dem ich die Wache fallen lasse. Und die Sünde schlägt zu, schnell und gnadenlos.
Das ist demütigend. Es zerstört mein Selbstbild, meine Vorstellung, dass ich ein guter Mensch bin, ein frommer Christ, jemand, der Gott gefällt. Aber vielleicht ist genau diese Demütigung notwendig. Vielleicht muss ich an den Punkt kommen, wo ich wirklich begreife, dass ich ohne Gott nichts bin, nichts vermag, nichts erreiche. Jesus sagte: „Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Johannes 15,5). Ohne mich könnt ihr nichts tun, sagt Jesus. Nichts.
Nicht wenig, nicht ein bisschen, sondern gar nichts. Das ist radikal. Und es gilt auch für meinen Kampf gegen die Sünde. Ohne Christus kann ich nicht einen einzigen Sieg erringen. Alles, was ich aus eigener Kraft erreiche, ist nur ein Aufschieben, kein Überwinden.
Aber was bedeutet das nun praktisch für mich? Wie kämpfe ich gegen die Sünde, wenn ich gleichzeitig anerkenne, dass ich aus eigener Kraft nichts vermag?
Ich glaube, der Schlüssel liegt im Unterschied zwischen Anstrengung und Abhängigkeit. Ich bin nicht passiv in diesem Kampf. Ich bin gerufen, zu beten, zu wachen, zu fliehen, zu kämpfen. Aber ich tue es nicht in meiner eigenen Kraft, sondern in der Kraft, die Gott mir gibt. Ich verlasse mich nicht auf meine Willensstärke, sondern auf Seine Gnade.
Das heißt auch: Wenn ich falle, ist nicht alles verloren. Die Sünde hat nicht das letzte Wort. Gottes Gnade ist größer als mein Versagen. Seine Liebe hört nicht auf, wenn ich strauchle. Er wartet nicht darauf, dass ich perfekt werde, bevor Er mich annimmt. Er nimmt mich an, wie ich bin, in meiner Schwäche, in meinem Kampf, in meinem Scheitern.
Das heißt nicht, dass die Sünde belanglos ist. Sie ist nicht harmlos, nicht zu verharmlosen. Sie trennt mich von Gott, sie verletzt mich und andere, sie zerstört das Leben, das Gott für mich vorgesehen hat. Aber sie hat nicht die Macht, mich aus Gottes Hand zu reißen. Christus hat am Kreuz für meine Sünde bezahlt, auch für die Sünde, die ich heute begangen habe, auch für die Sünde, mit der ich morgen wieder kämpfen werde.
Das ist keine Erlaubnis zur Gleichgültigkeit. Im Gegenteil. Gerade weil Gottes Gnade so groß ist, gerade weil Christus so viel für mich gelitten hat, will ich nicht weiter in der Sünde leben. Ich will Ihm gehorsam sein, nicht aus Angst vor Strafe, sondern aus Liebe und Dankbarkeit.
Aber ich lerne auch, dass Heiligung ein Prozess ist, kein Ereignis. Ich werde nicht von heute auf morgen perfekt. Es gibt Fortschritte und Rückschläge, Siege und Niederlagen. Und das ist normal. Das gehört zum Weg der Nachfolge dazu. Selbst die Heiligen kannten diesen Kampf. Selbst sie mussten lernen, in ihrer Schwäche auf Gottes Stärke zu vertrauen.
Was mir hilft, ist die Ehrlichkeit vor Gott. Nicht so zu tun, als wäre alles in Ordnung, wenn es das nicht ist. Nicht meine Sünde zu verstecken, zu beschönigen, zu entschuldigen. Sondern sie beim Namen zu nennen, sie zu bekennen, um Vergebung zu bitten. Und dann aufzustehen und weiterzugehen, nicht in eigener Kraft, sondern an Gottes Hand.
Manchmal denke ich, der größte Sieg ist nicht, dass ich nie mehr falle, sondern dass ich nach jedem Fall wieder aufstehe. Dass ich nicht in der Verzweiflung bleibe, nicht in der Scham versinke, nicht aufgebe. Dass ich immer wieder zu Gott zurückkehre, auch wenn ich mich schäme, auch wenn ich denke, ich hätte Seine Geduld längst überstrapaziert.
Denn Gottes Geduld ist größer als ich denke. Seine Barmherzigkeit ist jeden Morgen neu. Er ist nicht müde geworden von mir, auch wenn ich manchmal müde bin von mir selbst. Er hält an mir fest, auch wenn ich Ihn loslasse. Er gibt mich nicht auf, auch wenn ich manchmal versucht bin, mich selbst aufzugeben.
Und so gehe ich weiter auf diesem Weg. Nicht triumphierend, aber auch nicht verzweifelt. Nicht selbstsicher, aber auch nicht hoffnungslos. Ich weiß, dass der Kampf weitergeht. Ich weiß, dass ich wieder fallen werde. Aber ich weiß auch, dass Gott da ist, jeden Tag, in jedem Kampf, in jedem Fall, in jedem Aufstehen.
Gebet:
Herr, ich kann es nicht aus eigener Kraft. Ich falle immer wieder. Aber Du lässt mich nicht los. Stärke mich in meiner Schwäche, vergib mir meine Schuld und führe mich Schritt für Schritt auf dem Weg der Heiligung. Amen.
Nicht meine Kraft siegt über die Sünde, sondern Christi Gnade.
Gelobt und gepriesen sei der Herr.
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