Heu­te möch­te ich erklä­ren, war­um ich die­ses geist­li­che Tage­buch über­haupt schrei­be. Es ist nicht das, was ich ursprüng­lich geplant hat­te. Jah­re­lang habe ich ver­sucht, die Hei­li­ge Schrift aus­zu­le­gen, theo­lo­gi­sche Zusam­men­hän­ge zu erklä­ren, bibli­sche Wahr­hei­ten dar­zu­le­gen.

Ich dach­te, wenn ich nur gründ­lich genug erklä­ren wür­de, wenn ich nur prä­zi­se genug for­mu­lie­ren wür­de, dann wür­den Men­schen ver­ste­hen, dann wür­den sie wach­sen, dann wür­de sich etwas ver­än­dern.

Aber kaum jemand hat es gele­sen. Die sorg­fäl­ti­gen Aus­le­gun­gen, die durch­dach­ten Erklä­run­gen, die theo­lo­gi­schen Dar­le­gun­gen blie­ben weit­ge­hend unbe­ach­tet. Und irgend­wann muss­te ich mir ein­ge­ste­hen: Mei­ne Stra­te­gie funk­tio­niert nicht. Nicht weil die Inhal­te falsch wären, son­dern weil sie zu abstrakt sind, zu unper­sön­lich, zu weit ent­fernt vom ech­ten Leben.

Also habe ich mei­ne Stra­te­gie geän­dert. Ich habe beschlos­sen, per­sön­li­cher zu wer­den. Nicht mehr nur über bibli­sche Wahr­hei­ten zu schrei­ben, son­dern dar­über, wie ich mit die­sen Wahr­hei­ten rin­ge. Nicht mehr nur theo­lo­gi­sche Kon­zep­te zu erklä­ren, son­dern mei­ne eige­nen inne­ren Kämp­fe offen­zu­le­gen. Mei­ne Begier­den. Mei­ne Sün­de. Mei­ne Wut. Mei­ne Lieb­lo­sig­keit. Mein Rin­gen mit Gott.

Das ist ein ris­kan­ter Schritt, gewiss! Es ist ein­fa­cher, sich hin­ter theo­lo­gi­schen Begrif­fen zu ver­stecken, hin­ter kor­rek­ten Bibel­aus­le­gun­gen, hin­ter from­men For­mu­lie­run­gen. Es ist beque­mer, die Fas­sa­de auf­recht­zu­er­hal­ten, das Bild des rei­fen Chri­sten zu prä­sen­tie­ren, der alles im Griff hat. Aber genau das ist das Pro­blem in vie­len christ­li­chen Krei­sen: Wir sind nicht ehr­lich. Wir ver­stecken uns hin­ter Bibel­ver­sen und from­men Flos­keln. Jesus liebt dich. Gott hat einen Plan für dein Leben. Ver­traue ein­fach. Alles wird gut.

Das stimmt alles. Aber es ist nicht die gan­ze Wahr­heit. Es fehlt die ande­re Sei­te, die schwie­ri­ge Sei­te, die Sei­te, über die nie­mand gern spricht. Die Tat­sa­che, dass Nach­fol­ge hart ist. Dass wir immer wie­der schei­tern. Dass wir auch nach vie­len Jah­ren als Christ noch mit den­sel­ben Sün­den kämp­fen. Dass Hei­li­gung kein ein­ma­li­ges Ereig­nis ist, son­dern ein lebens­lan­ger, müh­sa­mer Pro­zess.

Ich bin seit vier­zig Jah­ren Christ. Ein alter Hase, könn­te man sagen. Jemand, der es eigent­lich wis­sen müss­te. Jemand, bei dem man erwar­ten wür­de, dass er die mei­sten Kämp­fe hin­ter sich hat. Aber die Wahr­heit ist: Ich kämp­fe immer noch. Jeden Tag. Mit Din­gen, von denen ich dach­te, ich hät­te sie längst über­wun­den. Mit Begier­den, die ich längst abge­legt haben soll­te. Mit Cha­rak­ter­schwä­chen, die nach vier­zig Jah­ren Nach­fol­ge immer noch da sind.

Manch­mal kom­me ich mir vor wie ein Bau­ar­bei­ter. Nicht wie jemand, der in einem ele­gan­ten Büro sitzt und sau­be­re, durch­dach­te Plä­ne ent­wirft. Son­dern wie jemand, der auf einer drecki­gen Bau­stel­le steht, mit schwe­ren Werk­zeu­gen han­tiert, schwitzt, sich abrackert, lang­sam und müh­sam an einem Pro­jekt arbei­tet, das nie fer­tig zu wer­den scheint.

Das ist nicht das Bild von Nach­fol­ge, das vie­le Chri­sten ver­mit­teln. Da ist alles sau­ber, ordent­lich, erfolg­reich. Da gibt es kla­re Ant­wor­ten, ein­fa­che Lösun­gen, schnel­le Durch­brü­che. Aber mei­ne Erfah­rung ist eine ande­re. Mei­ne Nach­fol­ge ist eine Bau­stel­le. Unfer­tig, chao­tisch, anstren­gend.

Pau­lus ver­wen­det genau die­ses Bild. Er spricht davon, dass wir Got­tes Mit­ar­bei­ter sind und dass jeder auf dem Fun­da­ment wei­ter­baut, das Jesus Chri­stus gelegt hat.

Er schreibt: “Wir sind also Got­tes Mit­ar­bei­ter – ihr seid Got­tes Acker­feld und Got­tes Bau. Nach der mir ver­lie­he­nen Gna­de Got­tes habe ich als erfah­re­ner Bau­mei­ster das Fun­da­ment gelegt. Ein ande­rer baut auf die­ser Grund­la­ge wei­ter. Aber jeder soll dar­auf ach­ten, wie er wei­ter­baut. Nie­mand kann ein ande­res Fun­da­ment legen, außer dem, das längst gelegt ist, Jesus Chri­stus. Ob aber jemand auf die­sem Fun­da­ment Gold, Sil­ber oder wert­vol­le Stei­ne ver­baut oder nur Holz, Heu und Stroh, das wird der Tag des Gerichts durch Feu­er offen­bar machen. Denn das Werk jedes Ein­zel­nen wird im Feu­er auf sei­ne Qua­li­tät geprüft. Hält das, was er auf das Fun­da­ment gebaut hat, ‹dem Feu­er› stand, wird er belohnt. Wenn es ver­brennt, wird er den Scha­den zu tra­gen haben. Er selbst wird zwar geret­tet wer­den, aber so wie jemand, den man aus dem Feu­er reißt” (1.Korinther 3,9–15).

Er spricht von Bau­ma­te­ria­li­en, von Gold und Sil­ber oder von Holz und Stroh. Er macht deut­lich: Nach­fol­ge ist Arbeit. Es ist Bau­en. Und nicht jedes Bau­werk hält stand. Das ist ernüch­ternd, aber auch ehr­lich. Gott erwar­tet von uns, dass wir arbei­ten, dass wir bau­en, dass wir uns anstren­gen. Nicht um Sei­ne Lie­be zu ver­die­nen, die ist bereits geschenkt. Aber um zu wach­sen, um hei­li­ger zu wer­den, um Ihm ähn­li­cher zu wer­den. Und das geschieht nicht auto­ma­tisch. Das geschieht durch bewuss­tes, täg­li­ches Rin­gen.

Ich habe gemerkt, dass vie­le Chri­sten mit die­ser Rea­li­tät nicht umge­hen kön­nen. Sie haben ein idea­li­sier­tes Bild von Nach­fol­ge, das von der Rea­li­tät weit ent­fernt ist. Und wenn sie dann schei­tern, wenn sie mer­ken, dass sie mit den­sel­ben Kämp­fen zu tun haben wie vor Jah­ren, dann ver­zwei­feln sie. Sie den­ken, mit ihnen sei etwas fun­da­men­tal falsch. Sie schä­men sich, dar­über zu spre­chen. Sie ver­stecken sich hin­ter Fas­sa­den.

Aber genau das macht die Situa­ti­on nur schlim­mer. Denn wenn nie­mand über die ech­ten Kämp­fe spricht, wenn jeder so tut, als hät­te er alles im Griff, dann fühlt sich jeder Ein­zel­ne iso­liert in sei­nem Ver­sa­gen. Jeder denkt, er sei der Ein­zi­ge, der mit Sün­de kämpft, der Ein­zi­ge, der zwei­felt, der Ein­zi­ge, der schei­tert.

Des­halb schrei­be ich die­ses Tage­buch. Ich möch­te eine ande­re Art von Stim­me sein. Eine Stim­me, die ehr­lich ist über die Schwie­rig­kei­ten der Nach­fol­ge. Eine Stim­me, die zugibt, dass ich nach vier­zig Jah­ren immer noch kämp­fe. Eine Stim­me, die sagt: Es ist okay, nicht per­fekt zu sein. Es ist okay, zu rin­gen. Es ist okay, eine Bau­stel­le zu sein.

Viel­leicht fin­den Sie sich dar­in wie­der. Viel­leicht kämp­fen Sie mit den­sel­ben Din­gen. Viel­leicht haben Sie auch die Erfah­rung gemacht, dass Nach­fol­ge här­ter ist, als Sie dach­ten. Viel­leicht sind Sie auch müde von den from­men Flos­keln, von den ein­fa­chen Ant­wor­ten, von dem Druck, immer stark und sieg­reich zu sein.

Wenn das so ist, dann ist die­ses Tage­buch für Sie. Es ist ein Ort der Ehr­lich­keit, ein Ort, wo die Fas­sa­de fal­len darf. Ein Ort, wo wir gemein­sam rin­gen kön­nen, gemein­sam kämp­fen kön­nen, gemein­sam vor Gott kom­men kön­nen mit unse­ren Zwei­feln, unse­ren Fra­gen, unse­ren Nie­der­la­gen.

Das heißt nicht, dass ich die Sün­de ver­harm­lo­sen will. Das Gegen­teil ist der Fall! Das heißt nicht, dass ich sage: Macht euch kei­ne Sor­gen, kämpft ein­fach nicht so viel. Im Gegen­teil. Ich neh­me die Sün­de sehr ernst. Ich weiß, wie zer­stö­re­risch sie ist, wie sie mein Leben ver­gif­tet, wie sie mich von Gott trennt. Und ich will dage­gen kämp­fen, jeden Tag, mit aller Kraft.

Aber ich will auch ehr­lich sein über die Rea­li­tät die­ses Kamp­fes. Dar­über, dass ich nicht jeden Tag gewin­ne. Dar­über, dass ich manch­mal müde bin, manch­mal mut­los, manch­mal am Ende mei­ner Kräf­te. Dar­über, dass ich auf Got­tes Gna­de ange­wie­sen bin, nicht nur am Anfang mei­ner Nach­fol­ge, son­dern auch nach vier­zig Jah­ren.

Die­se Ehr­lich­keit ist befrei­end. Sie nimmt den Druck weg, per­fekt sein zu müs­sen. Sie erlaubt mir, Mensch zu sein, mit all mei­nen Schwä­chen und Feh­lern. Sie erin­nert mich dar­an, dass Gott mich nicht liebt, weil ich so gut bin, son­dern obwohl ich es nicht bin. Dass Sei­ne Gna­de nicht von mei­ner Lei­stung abhängt, son­dern von Sei­nem Cha­rak­ter.

Und viel­leicht ist genau das die wich­tig­ste theo­lo­gi­sche Wahr­heit, die ich in vier­zig Jah­ren gelernt habe: Nach­fol­ge ist nicht ein Weg zur Per­fek­ti­on, son­dern ein Weg der Abhän­gig­keit. Je län­ger ich Christ bin, desto mehr erken­ne ich, wie sehr ich Gott brau­che. Nicht weni­ger, son­dern mehr. Die Bau­stel­le mei­nes Lebens wird nicht dadurch fer­tig, dass ich här­ter arbei­te, son­dern dadurch, dass ich mehr und mehr zulas­se, dass Gott der Bau­mei­ster ist.

Das ist die Bot­schaft, die ich durch die­ses Tage­buch wei­ter­ge­ben möch­te. Nicht per­fek­te Ant­wor­ten, son­dern ehr­li­che Fra­gen. Nicht fer­ti­ge Lösun­gen, son­dern gemein­sa­mes Rin­gen. Nicht from­me Fas­sa­den, son­dern ech­te Nach­fol­ge in all ihrer Unvoll­kom­men­heit.

Ich möch­te beten: Herr, dan­ke, dass Du mich nicht auf­gibst, auch nach vier­zig Jah­ren nicht. Hilf mir, ehr­lich zu sein vor Dir und vor ande­ren. Mach aus mei­ner Bau­stel­le etwas Schö­nes für Dei­ne Ehre. Amen.

Ech­te Nach­fol­ge beginnt dort, wo die from­men Fas­sa­den enden und die ehr­li­che Arbeit auf der Bau­stel­le des Her­zens anfängt.

Gelobt und geprie­sen sei der Herr.

Geist­li­ches Tage­buch