Wo Trä­nen flie­ßen, öff­net sich der Him­mel!

Heu­te hal­te ich inne vor einem Wort, das mir zunächst wider­sprüch­lich erscheint: „Glück­se­lig sind die Trau­ern­den, denn sie sol­len getrö­stet wer­den!” (Mat­thä­us 5,4). Wie kann Trau­er und Glück zusam­men­ge­hö­ren? Wie kann Jesus die Wei­nen­den selig­prei­sen?

Mein erster Impuls ist Unver­ständ­nis. Unse­re gan­ze Kul­tur ist doch dar­auf aus­ge­rich­tet, Trau­er zu ver­mei­den. Wir opti­mie­ren unser Leben, um glück­lich zu sein, um Schmerz fern­zu­hal­ten. Wir ver­drän­gen, len­ken uns ab, betäu­ben uns mit Akti­vi­tät und Unter­hal­tung. Trau­er gilt als etwas, das man mög­lichst schnell über­win­den muss, als Schwä­che, als Ver­sa­gen. Und nun sagt Jesus, die Trau­ern­den sei­en glück­se­lig?

Ich sit­ze nun schon sehr lan­ge schwei­gend mit die­sen tie­fen Wor­ten zusam­men und las­se sie ganz in Ruhe auf mich wir­ken. Und ganz lang­sam, Schritt für Schritt, begin­ne ich zu ahnen und zu begrei­fen, dass Jesus hier etwas wirk­lich Radi­ka­les und Grund­le­gen­des über das Wesen des Mensch­seins zum Aus­druck bringt. Er spricht eben ganz bewusst nicht von einem ober­fläch­li­chen Glück oder einer flüch­ti­gen Zufrie­den­heit, er spricht nicht von kurz­fri­sti­ger Freu­de und auch nicht von einem fried­vol­len Leben, das völ­lig frei von Schmerz ist. Viel­mehr spricht er von einer unend­lich viel tie­fe­ren Selig­keit, die genau an jenem ver­bor­ge­nen Ort ent­steht, wo wir den Mut auf­brin­gen, unse­re ech­ten Trä­nen und unse­re tie­fe Trau­er bedin­gungs­los zuzu­las­sen.

Trau­ern bedeu­tet, die Rea­li­tät des Ver­lu­stes anzu­neh­men. Es bedeu­tet, nicht weg­zu­lau­fen vor dem Schmerz, nicht so zu tun, als sei alles in Ord­nung, wenn es das nicht ist. Es bedeu­tet, ehr­lich zu sein mit dem, was weh tut. Und genau die­se Ehr­lich­keit, die­se Bereit­schaft, die Wirk­lich­keit anzu­schau­en und anzu­neh­men, auch wenn sie schmerzt, nennt Jesus selig­prei­send.

Ich den­ke an die ver­schie­de­nen For­men der Trau­er in mei­nem Leben. Da ist die Trau­er über kon­kre­te Ver­lu­ste. Men­schen, die gegan­gen sind. Bezie­hun­gen, die zer­bro­chen sind. Träu­me, die sich nicht erfüllt haben. Gesund­heit, die nicht wie­der­kehrt. Zeit, die unwie­der­bring­lich ver­stri­chen ist. All das sind rea­le Ver­lu­ste, und sie ver­die­nen es, betrau­ert zu wer­den.

Doch es gibt auch eine tie­fe­re Trau­er, eine Trau­er über den Zustand die­ser Welt. Ich schaue auf das Leid um mich her­um. Auf die Unge­rech­tig­keit, die Gewalt, die Lieb­lo­sig­keit. Ich sehe die Zer­bro­chen­heit der Schöp­fung, die Ein­sam­keit so vie­ler Men­schen, das stil­le Ver­zwei­feln hin­ter den Fas­sa­den. Und manch­mal über­wäl­tigt mich die­se Trau­er. Manch­mal möch­te ich wei­nen über das, was ist und was nicht sein soll­te.

Doch es gibt auch eine Trau­er in mir über die Kriegs­lust die­ser Zeit, über die Här­te in den Her­zen, die so schnell bereit sind zu kämp­fen und so lang­sam bereit zum Frie­den. Ich spü­re eine tie­fe Müdig­keit, wenn ich sehe, wie Men­schen sich in Feind­bil­der flüch­ten, wie Wor­te zu Waf­fen wer­den und wie wenig Bereit­schaft da ist, den ersten Schritt zur Ver­söh­nung zu gehen. Die­se Trau­er sitzt schwer in mir – eine Trau­er dar­über, dass Frie­den mög­lich wäre, wenn wir ihn nur woll­ten, und doch scheint die Welt ihn zu fürch­ten. Manch­mal fra­ge ich mich, war­um das Herz des Men­schen so oft den Weg der Gewalt wählt, obwohl es doch nach Ruhe und Gebor­gen­heit ver­langt. Und ich lege auch die­se Trau­er vor Gott, weil ich sie allein nicht tra­gen kann.

Und dann gibt es noch die Trau­er über mich selbst. Über mei­ne eige­ne Sün­de, mein Ver­sa­gen, mei­ne Unfä­hig­keit zu lie­ben, wie ich lie­ben soll­te. Über die Kluft zwi­schen dem, was ich sein möch­te, und dem, was ich bin. Über die Ver­här­tun­gen in mei­nem Her­zen, die Gleich­gül­tig­keit, die sich ein­schleicht, die Käl­te, die mich manch­mal befällt. Die­se Trau­er ist viel­leicht die schwer­ste, weil sie mich mit mei­ner eige­nen Schuld kon­fron­tiert.

Lan­ge Zeit habe ich ver­sucht, all die­se Trau­er weg­zu­schie­ben. Ich habe mir gesagt, ein guter Christ müs­se doch fröh­lich sein, sieg­reich, vol­ler Hoff­nung. Ich habe mei­ne Trä­nen ver­steckt, mei­ne Ver­zweif­lung über­spielt, mei­ne Dun­kel­heit ver­leug­net. Ich dach­te, Glau­be bedeu­te, immer posi­tiv zu den­ken, immer stark zu sein, immer ein Lächeln auf­zu­set­zen.

Doch heu­te sagt Jesus mir etwas ande­res. Er sagt mir, dass es gut ist zu trau­ern. Dass Trau­er kein Zei­chen von schwa­chem Glau­ben ist, son­dern von Wahr­haf­tig­keit. Dass die Fähig­keit zu trau­ern ein Zei­chen von Mensch­lich­keit ist, von einem Her­zen, das noch nicht ver­här­tet ist, von Augen, die noch sehen kön­nen.

Wer nicht mehr trau­ern kann, hat auf­ge­hört zu lie­ben. Wer nicht mehr weint, hat auf­ge­hört zu füh­len. Wer gleich­gül­tig gewor­den ist gegen­über dem Leid der Welt, hat sein Herz ver­schlos­sen. Die Trau­ern­den sind gera­de des­halb selig, weil sie noch leben­dig sind, weil sie noch berühr­bar sind, weil sie noch nicht abge­stumpft sind.

Ich den­ke an Jesus selbst. Er hat geweint – am Grab sei­nes Freun­des Laza­rus, über Jeru­sa­lem, das ihn nicht erkann­te, und in Geth­se­ma­ne, wo sein Schweiß vor Angst und Schmerz wie Bluts­trop­fen war. Jesus war kein abge­klär­ter Weis­heits­leh­rer, der erha­ben über allem thron­te. Er war ein Mensch, der fühl­te, litt und trau­er­te. Genau dar­in offen­ba­ren sich sei­ne tief­ste Mensch­lich­keit und sei­ne gött­li­che Lie­be.

Wenn Jesus selbst geweint hat, dann darf auch ich wei­nen. Dann ist Trau­er kei­ne Schan­de, son­dern ein Weg der Nach­fol­ge. Dann ist es kein Zei­chen von Unglau­be, wenn mich die Last des Lebens manch­mal nie­der­beugt, son­dern ein Zei­chen dafür, dass ich die Rea­li­tät ernst neh­me.

Doch Jesus bleibt nicht bei der Trau­er ste­hen. Er ver­heißt Trost. „Sie sol­len getrö­stet wer­den.” Das ist kei­ne bil­li­ge Ver­trö­stung auf ein fer­nes Jen­seits. Es ist die Zusa­ge, dass Gott gera­de die Trau­ern­den sucht, dass er gera­de bei den Wei­nen­den ist, dass er gera­de die Zer­bro­che­nen heilt.

Ich den­ke an den gro­ßen Pro­phe­ten Jesa­ja, der uns in sei­nen tief­grün­di­gen Wor­ten ver­si­chert, dass Gott denen ganz beson­ders nahe ist, die ein zer­bro­che­nes Herz haben und unter der Last des Lebens fast zusam­men­bre­chen (Jesa­ja 57,15; Jesa­ja 61,1; Psalm 34,19). In die­sen schwe­ren Momen­ten der Ver­zweif­lung dür­fen wir dar­auf ver­trau­en, dass wir nicht allein gelas­sen sind. Ich den­ke dabei auch an die bewe­gen­den Psal­men der Bibel, in denen immer wie­der von den bit­te­ren Trä­nen die Rede ist, die wir ver­gie­ßen – Trä­nen, die Gott lie­be­voll sam­melt, die er sorg­sam zählt und die nie­mals von ihm ver­ges­sen wer­den, da sie in sei­nem ewi­gen Gedächt­nis auf­be­wahrt blei­ben (Psalm 56, 9). Zuletzt den­ke ich an Jesus Chri­stus, der mit einer tie­fen mensch­li­chen und gött­li­chen Hin­ga­be ver­kün­de­te, dass er genau des­halb in die­se welt­li­che Dun­kel­heit gekom­men ist, um all jene zu hei­len und auf­zu­rich­ten, deren Her­zen tief im Inne­ren zer­bro­chen sind.

Der Trost, den Gott schenkt, ist kein ober­fläch­li­ches Schön­re­den, kei­ne bil­li­ge Auf­mun­te­rung. Es ist die tie­fe Gewiss­heit, dass ich in mei­ner Trau­er nicht allein bin. Dass Gott bei mir ist, auch wenn ich ihn nicht spü­re. Dass er mein Wei­nen sieht, auch wenn nie­mand sonst es sieht. Dass er mei­ne Trä­nen ver­steht, auch wenn nie­mand sonst sie ver­steht.

Die­ser Trost besteht nicht dar­in, dass der Schmerz sofort ver­schwin­det. Man­che Wun­den hei­len nie ganz in die­sem Leben. Man­che Ver­lu­ste blei­ben Ver­lu­ste. Man­che Nar­ben blei­ben sicht­bar. Aber der Trost besteht dar­in, dass die­se Wun­den nicht das letz­te Wort haben. Dass Gott grö­ßer ist als mein Schmerz. Dass er mich durch die Trau­er hin­durch­trägt, auch wenn ich nicht ver­ste­he, wohin der Weg führt.

Ich spü­re immer deut­li­cher, dass man die Trau­er nicht ein­fach über­sprin­gen kann. Es gibt kei­ne Abkür­zung, die am Schmerz vor­bei­führt – es exi­stiert nur der Weg direkt hin­durch. Wer vor­ei­lig Trost sucht und den Schmerz ver­drängt, ver­schließt sich am Ende auch dem ech­ten, tie­fen Trost. Denn die­sen kann nur emp­fan­gen, wer den Mut hat, sich sei­ne eige­ne Ver­letz­lich­keit und Bedürf­tig­keit ein­zu­ge­ste­hen.

Das ist viel­leicht das Ver­bin­den­de zwi­schen der ersten und der zwei­ten Selig­prei­sung. Arm vor Gott zu sein und zu trau­ern gehö­ren zusam­men. Bei­des sind For­men der Ehr­lich­keit, der Offen­heit, der Bereit­schaft, die Wahr­heit über sich selbst und über die Welt anzu­neh­men. Und bei­de Male ver­heißt Jesus eine Gabe Got­tes. Den Armen das Him­mel­reich, den Trau­ern­den den Trost.

Ich fra­ge mich, wie ich den Trau­ern­den in mei­nem Umfeld begeg­ne. Bin ich wirk­lich dazu in der Lage, ihren Schmerz aus­zu­hal­ten? Oder nei­ge ich dazu, vor­schnell zu trö­sten, ein­fa­che Ant­wor­ten zu lie­fern oder ihnen das Leid schön­zu­re­den? Wah­re Anteil­nah­me bedeu­tet meist etwas ganz ande­res: ein­fach anwe­send zu sein, Stil­le aus­zu­hal­ten und die Trä­nen zu tei­len. Es heißt, den Schmerz nicht zu ver­harm­lo­sen, son­dern ihm den Raum zu geben, den er braucht.

Und wie gehen wir mit unse­rer eige­nen Trau­er um? Erlau­ben wir uns zu wei­nen, wenn uns danach ist, oder zwin­gen wir uns zu einer unech­ten Fröh­lich­keit? Geste­hen wir uns die dunk­len Momen­te zu, oder tun wir so, als müss­ten wir immer stark sein?

Jesus lädt mich ein, ehr­lich zu sein. Mit mei­nem Schmerz, mit mei­ner Trau­er, mit mei­ner Ver­zweif­lung. Er lädt mich ein, all das vor ihn zu brin­gen, nichts zu ver­stecken, nichts zu beschö­ni­gen. Und er ver­spricht mir, dass gera­de dort, wo ich am schwäch­sten bin, sein Trost mich errei­chen wird.

In den kom­men­den Tagen will ich ver­su­chen, acht­sa­mer zu sein für die Trau­er in mir und um mich her­um. Ich will ver­su­chen, sie nicht weg­zu­schie­ben, son­dern ihr Raum zu geben. Ich will ver­su­chen, zu wei­nen, wenn ich wei­nen muss, und ande­ren die Erlaub­nis zu geben, zu wei­nen. Und ich will dar­auf ver­trau­en, dass Got­tes Trost kommt, auch wenn ich ihn jetzt noch nicht spü­re.

Die Trau­ern­den sind selig, weil sie bereit sind für den Trost. Weil ihr Herz geöff­net ist. Weil sie noch nicht ver­här­tet sind. Weil sie noch hof­fen kön­nen, dass der Schmerz nicht das letz­te Wort hat.

Ich möch­te beten: Gott, ich brin­ge dir mei­ne Trau­er. Die alten Wun­den und die fri­schen Schmer­zen. Das, wor­über ich wei­ne, und das, wor­über ich wei­nen soll­te. Lass mich ehr­lich sein mit mei­nem Leid und schen­ke mir dei­nen Trost. Sei du bei mir in der Dun­kel­heit und hal­te mich, wenn ich nicht mehr kann. Amen.

Wer bereit ist zu trau­ern, des­sen Herz ist offen für den Trost Got­tes, der grö­ßer ist als aller Schmerz.

Gelobt und geprie­sen sei der Herr.

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