Heu­te Mor­gen, als ich die­se Bit­te vor Gott brach­te, spür­te ich sofort, wie sehr sie mich trifft. Leh­re mich, mit Mil­de zu spre­chen, auch wenn mein Inne­res stürmt. Es ist, als hät­te jemand genau in mein Herz gese­hen. Wie oft erle­be ich es, dass in mir ein Unwet­ter tobt, wäh­rend von mir erwar­tet wird, ruhig und beson­nen zu sein. Wie oft ver­sa­ge ich dar­in.

Ich erin­ne­re mich an eine Gele­gen­heit, die mir beson­ders im Gedächt­nis geblie­ben ist. Ein Gespräch, das schief lief. Ich spür­te, wie die Wut in mir hoch­stieg, wie sich mein Brust­korb ver­eng­te, wie die Wor­te schon auf mei­ner Zun­ge lagen, scharf und ver­let­zend. Und dann sprach ich sie aus. Nicht alle, aber genug, um zu wis­sen, dass ich ver­sagt habe. Ich recht­fer­tig­te mich inner­lich sofort. Der ande­re hat­te doch ange­fan­gen. Der ande­re ver­stand mich nicht. Der ande­re war unge­recht. Aber wenn ich ehr­lich bin, vor Gott ehr­lich, dann weiß ich: Mei­ne Reak­ti­on war nicht die eines Men­schen, der sich von Chri­stus prä­gen lässt.

Die Hei­li­ge Schrift führt mich zurück zu die­sen Wor­ten: “Eben­so ist es mit der Zun­ge: Sie ist nur klein und bringt doch gewal­ti­ge Din­ge fer­tig. Denkt dar­an, wie klein die Flam­me sein kann, die einen gro­ßen Wald in Brand setzt! Auch die Zun­ge ist ein Feu­er. Sie ist eine Welt vol­ler Unrecht und beschmutzt den gan­zen Men­schen. Sie setzt unser Leben von der Geburt bis zum Tod in Brand mit einem Feu­er, das aus der Höl­le selbst kommt. Der Mensch hat es fer­tig­ge­bracht, alle Tie­re zu bän­di­gen: Raub­tie­re, Vögel, Schlan­gen und Fische. Aber die Zun­ge hat noch nie­mand bän­di­gen kön­nen, die­sen ruhe­lo­sen Stö­ren­fried, voll von töd­li­chem Gift. Mit der Zun­ge loben wir Gott, unse­ren Herrn und Vater – und mit ihr ver­flu­chen wir unse­re Mit­men­schen, die nach Got­tes Bild geschaf­fen sind. Aus dem­sel­ben Mund kom­men Segen und Fluch. Mei­ne Brü­der und Schwe­stern, das darf nicht sein!” (Jako­bus 3,5–10).

Jako­bus spricht davon, dass nie­mand die Zun­ge zäh­men kann, und ich ver­ste­he, war­um. Sie ist der direk­te­ste Weg, auf dem das, was in unse­rem Her­zen wohnt, nach außen dringt. Jesus selbst sagt, dass aus der Fül­le des Her­zens der Mund redet: “Ihr Schlan­gen­brut! Wie könnt ihr Gutes reden, wo ihr doch böse seid! Denn wovon das Herz voll ist, davon redet der Mund” (Mat­thä­us 12,34; Lukas 6,45).

Über die­se har­ten Wor­te Jesu bin ich erschrocken. Er spricht Klar­text, weil er sieht und weiß, wie unser Herz tickt.

Und doch mer­ke ich, wie gut mir die­ser Klar­text tut. Er lässt mich nicht im Nebel mei­ner Selbst­deu­tung ste­hen, son­dern stellt mich ins Licht der Wahr­heit. Wenn Jesus so spricht, dann nicht, um mich zu ver­ur­tei­len, son­dern um mich zu wecken. Er zeigt mir, dass mei­ne Wor­te nicht ein­fach zufäl­li­ge Lau­te sind, son­dern Spu­ren mei­nes inne­ren Lebens.

Manch­mal erschrecke ich über das, was aus mir her­aus­kommt – ein Ton, ein Satz, eine Schär­fe, die ich gar nicht woll­te. Dann spü­re ich, wie sehr ich sein Erbar­men brau­che. Und wie sehr ich mir wün­sche, dass mein Herz mehr von ihm erfüllt ist, damit auch mein Mund mehr von ihm spricht. Wenn ich also hart spre­che, wenn ich ver­let­zend wer­de, wenn ich kei­ne Mil­de zei­ge, dann liegt das Pro­blem nicht pri­mär bei mei­ner Zun­ge. Das Pro­blem liegt tie­fer. Es liegt in mei­nem Her­zen. Das muss und will ich Erken­nen.

Und genau das macht die­se Bit­te so radi­kal. Jesus, leh­re mich. Ich kann es nicht allein. Ich kann mich nicht selbst umer­zie­hen. Ich kann mir vor­neh­men, freund­li­cher zu sein, gedul­di­ger, sanf­ter. Aber wenn der Sturm kommt, wenn ich ange­grif­fen wer­de, wenn ich miss­ver­stan­den wer­de, wenn ich erschöpft bin, dann ver­sa­gen alle guten Vor­sät­ze. Dann zeigt sich, was wirk­lich in mir wohnt. Und oft ist es nicht Mil­de.

Mil­de ist ein selt­sa­mes Wort. Es klingt weich, fast schwach in unse­rer Zeit. Wir schät­zen Durch­set­zungs­kraft, kla­re Kan­te, Selbst­be­haup­tung. Mil­de wirkt wie ein Relikt aus einer ande­ren Epo­che. Aber wenn ich die Schrift lese, dann sehe ich, dass Mil­de eine Frucht des Gei­stes ist. Sie gehört zu den Din­gen, die Gott in uns wach­sen las­sen möch­te. Sie ist kei­ne Schwä­che, son­dern eine Form von Stär­ke. Es braucht viel mehr Kraft, mild zu blei­ben, wenn alles in mir nach Ver­gel­tung schreit, als ein­fach mei­nen Emo­tio­nen frei­en Lauf zu las­sen.

Ich den­ke an Jesus. Wie oft wur­de er ange­grif­fen, miss­ver­stan­den, ver­spot­tet. Wie oft stan­den die reli­giö­sen Füh­rer vor ihm und ver­such­ten, ihn in eine Fal­le zu locken. Wie oft wand­ten sich die Men­schen­men­gen von ihm ab. Und doch, wenn ich die Evan­ge­li­en lese, sehe ich sei­ne Mil­de. Selbst in sei­nen schärf­sten Wor­ten gegen die Heu­che­lei der Pha­ri­sä­er schwingt eine tie­fe Trau­er mit, kei­ne per­sön­li­che Rach­sucht. Am Kreuz, in der äußer­sten Demü­ti­gung und Qual, betet er für sei­ne Pei­ni­ger: “Vater, ver­gib ihnen, denn sie wis­sen nicht, was sie tun” (Lukas 23,34). Das ist Mil­de in ihrer rein­sten Form.

Aber ich bin nicht Jesus. Und genau des­halb brau­che ich die­se Bit­te. Leh­re mich. Mach du es in mir, Herr. For­me mein Herz so um, dass selbst im Sturm etwas von dei­ner Sanft­mut durch mich hin­durch­tö­nen kann. Das ist ein Werk, das Zeit braucht. Es ist nichts, was ich in einer Woche ler­ne. Es ist ein lebens­lan­ger Pro­zess des Ster­bens und Neu­wer­dens.

Was hilft mir auf die­sem Weg? Ich mer­ke, dass ich zunächst ler­nen muss, den Sturm in mir wahr­zu­neh­men, bevor ich spre­che. Oft reagie­re ich so schnell, dass ich gar nicht mer­ke, was in mir vor­geht. Die Emo­ti­on ist da, und schon folgt das Wort. Ich brau­che eine klei­ne Pau­se, einen Atem­zug, einen Moment, in dem ich inner­lich einen Schritt zurück­tre­te und erken­ne: Jetzt stürmt es. Jetzt bin ich ver­letzt, wütend, ent­täuscht. Und genau jetzt brau­che ich Mil­de.

Dann kann ich inner­lich zu Jesus gehen. Nicht lan­ge, nicht kom­pli­ziert. Ein­fach: Herr, hilf mir jetzt. Das kann ich sogar mit­ten im Gespräch tun, wäh­rend der ande­re noch redet. Ein stum­mes Rufen nach oben. Und oft, wenn ich das tue, spü­re ich, wie sich etwas in mir wei­tet. Wie der Druck nach­lässt. Wie ich wie­der kla­rer sehen kann.

Es hilft mir auch, mich dar­an zu erin­nern, wie viel Mil­de Gott mir selbst schenkt. Wie oft bin ich unge­dul­dig mit ihm, zwei­felnd, undank­bar, ankla­gend. Wie oft lebe ich, als gäbe es ihn nicht, obwohl ich es bes­ser weiß. Und doch begeg­net er mir jeden Mor­gen neu mit sei­ner Barm­her­zig­keit. Wenn ich das wirk­lich ver­ste­he, wenn ich begrei­fe, wie viel mir ver­ge­ben wur­de, dann fällt es mir leich­ter, auch ande­ren mit Mil­de zu begeg­nen. Nicht weil sie es ver­dient haben, son­dern weil ich selbst aus Gna­de lebe.

Und doch bleibt es ein Kampf. Es gibt Men­schen, die mich immer wie­der an mei­ne Gren­zen brin­gen. Es gibt Situa­tio­nen, die mich so sehr trig­gern, dass alle guten Vor­sät­ze wie Schnee in der Son­ne schmel­zen. Dann ärge­re ich mich über mich selbst, schä­me mich, fra­ge mich, ob ich über­haupt wach­se oder ob ich immer noch an der­sel­ben Stel­le fest­stecke wie vor Jah­ren.

Aber dann erin­ne­re ich mich dar­an, dass auch das Schei­tern Teil des Ler­nens ist. Jesus lehrt mich nicht nur in mei­nen Erfol­gen, son­dern auch in mei­nen Nie­der­la­gen. Viel­leicht sogar beson­ders dort. Denn jedes Mal, wenn ich ver­sa­ge, wenn ich hart spre­che statt mild, wer­de ich dar­an erin­nert, wie sehr ich ihn brau­che. Jedes Mal wer­de ich klei­ner in mei­nen eige­nen Augen und er wird grö­ßer. Und viel­leicht ist das der eigent­li­che Weg zur Mil­de: zu erken­nen, dass ich nichts aus mir selbst her­aus ver­mag.

Heu­te neh­me ich mir vor, bewuss­ter auf mei­ne Wor­te zu ach­ten. Nicht ver­krampft, nicht ängst­lich, son­dern wach­sam. Ich möch­te ler­nen, im Sturm zu atmen, inne­zu­hal­ten, zu beten. Ich möch­te ler­nen, dass Mil­de nicht bedeu­tet, alles hin­zu­neh­men oder mir alles gefal­len zu las­sen. Mil­de kann auch klar sein, kann Gren­zen set­zen, kann Wahr­heit aus­spre­chen. Aber sie tut es ohne den Sta­chel der Ver­let­zung, ohne den Wunsch, zurück­zu­schla­gen. Sie spricht die Wahr­heit in Lie­be. Das ist mein Ziel. Nicht Per­fek­ti­on, son­dern Wachs­tum. Nicht Ankunft, son­dern Weg. Jeden Tag ein biss­chen mehr ler­nen, wie man mit Mil­de spricht, auch wenn das Inne­re stürmt.

Ich möch­te beten: Herr Jesus Chri­stus, du sanf­ter und demü­ti­ger Leh­rer, leh­re mich das Hand­werk der Mil­de. For­me mein Herz um, dass es dir ähn­li­cher wird. Hilf mir, den Sturm in mir zu erken­nen, bevor ich spre­che. Gib mir Kraft, inne­zu­hal­ten und dich zu suchen. Schen­ke mir Wor­te, die hei­len, nicht ver­let­zen, die auf­bau­en, nicht nie­der­rei­ßen. Lass mich aus dei­ner Gna­de leben, damit ich ande­ren mit Gna­de begeg­nen kann. Amen.

Mil­de ist nicht Schwä­che, son­dern die Stär­ke derer, die ihre Kraft von oben emp­fan­gen.

Gelobt und geprie­sen sei der Herr.

Geist­li­ches Tage­buch