Heute bin ich bei diesem Wort stehen geblieben: „Glücklich die, die wissen, wie arm sie vor Gott sind! Sie gehören dem Himmelreich an!“ (Matthäus 5,3). Ich sitze hier am Schreibtisch. Die Worte wollten nicht weichen. Sie blieben, bohrten sich tiefer, stellten mich in Frage.
Arm vor Gott. Was bedeutet das eigentlich? Mein erster Impuls war Widerstand. Ich dachte an all das, was ich aufgebaut habe, an meine Erfahrungen, mein Wissen, meine geistlichen Übungen. Bin ich nicht schon weit gekommen auf diesem Weg? Habe ich nicht gebetet, gefastet, mich bemüht um Tugend und Nachfolge? Habe ich nicht genug die Bibel studiert, erklärt, gepredigt?
Und nun soll ich mich arm nennen? Doch je länger ich bei diesem Wort verweilte, desto mehr begann ich zu verstehen, dass Jesus hier nicht von äußerer Armut spricht, sondern von etwas viel Tieferem. Er spricht von einer inneren Haltung, einer Wahrheit über mich selbst, die ich oft nicht wahrhaben will. Er spricht davon, dass ich vor Gott mit leeren Händen stehe. Immer. Ohne Ausnahme.
Diese Erkenntnis ist bitter. Sie schmeckt nach Demütigung, nach Entblößung. Ich merke, wie sehr ich gewohnt bin, mich über das zu definieren, was ich habe, was ich kann, was ich bin. Selbst in meinem Glaubensleben schleicht sich dieser Stolz ein. Ich zähle meine Gebete wie Verdienste, meine guten Taten wie Einzahlungen auf ein himmlisches Konto. Ich vergleiche mich mit anderen und finde manchmal – beschämend, aber wahr – eine gewisse Befriedigung darin, dass ich vermeintlich frömmer bin, treuer, konsequenter.
Doch heute stellt Jesus mir eine radikale Frage: Was, wenn all das nichts zählt? Was, wenn meine ganze Selbstgerechtigkeit nur ein Schleier ist, der meine tiefe Bedürftigkeit verdeckt? Was, wenn Gott nicht meine Leistungen sucht, sondern meine Leere?
Ich denke an den Pharisäer im Tempel, der Gott aufzählt, wie gut er ist. Und dann denke ich an den Zöllner, der sich nicht einmal traut, die Augen zu erheben, und nur stammelt: „Gott, sei mir Sünder gnädig!”
Dann wandte sich Jesus einigen Leuten zu, die voller Selbstvertrauen meinten, in Gottes Augen untadelig dazustehen, und deshalb für alle anderen nur Verachtung übrig hatten. Er erzählte ihnen folgende Geschichte: »Zwei Männer gingen hinauf in den Tempel, um zu beten, ein Pharisäer und ein Zolleinnehmer. Der Pharisäer stellte sich vorne hin und betete leise bei sich: ›Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die anderen Menschen, alle diese Räuber, Betrüger und Ehebrecher, oder auch wie dieser Zolleinnehmer hier! Ich faste zwei Tage in der Woche und gebe dir den vorgeschriebenen Zehnten sogar noch von dem, was ich bei anderen einkaufe!‹ Der Zolleinnehmer aber stand ganz hinten und getraute sich nicht einmal, zum Himmel aufzublicken. Er schlug sich zerknirscht an die Brust und sagte: ›Gott, hab Erbarmen mit mir, ich bin ein sündiger Mensch!‹« Jesus schloss: »Ich sage euch, der Zolleinnehmer ging aus dem Tempel in sein Haus hinunter als einer, den Gott für gerecht erklärt hatte – ganz im Unterschied zu dem Pharisäer. Denn alle, die sich selbst groß machen, werden von Gott gedemütigt, und alle, die sich selbst gering achten, werden von ihm zu Ehren gebracht.« (Lukas 18,9–14).
Jesus sagt, dieser ging gerechtfertigt nach Hause. Nicht der Erfolgreiche, nicht der Fromme, sondern der Arme. Arm vor Gott sein bedeutet also, die Wahrheit über mich selbst anzunehmen. Es bedeutet, aufzuhören mit dem verzweifelten Versuch, mich selbst zu rechtfertigen, mich selbst zu retten, mich selbst groß zu machen. Es bedeutet, einzugestehen, dass ich ohne Gottes Erbarmen verloren bin. Dass ich nichts vorzuweisen habe, keine Ansprüche stellen kann, keine Forderungen.
Das klingt zunächst nach Resignation, nach Hoffnungslosigkeit. Doch merkwürdigerweise geschieht in dieser Armut etwas Befreiendes. Wenn ich aufhöre, mich krampfhaft an mein Selbstbild zu klammern, wenn ich die Maske fallen lasse und vor Gott stehe, wie ich wirklich bin – schwach, fehlerhaft, bedürftig –, dann öffnet sich ein Raum. Ein Raum für Gnade.
Denn das Himmelreich, von dem Jesus spricht, ist kein Lohn für die Starken, sondern ein Geschenk für die Armen. Es ist nicht etwas, das ich mir verdienen kann, sondern etwas, das ich nur empfangen kann. Und empfangen kann ich nur, wenn meine Hände leer sind.
Ich denke an die kleinen Kinder, von denen Jesus sagt, dass ihnen das Himmelreich gehört: “Lasst doch die Kinder zu mir kommen, und hindert sie nicht daran! Das Himmelreich ist ja gerade für solche wie sie bestimmt” (Matthäus 19,14). Was macht Kinder aus? Sie haben nichts. Sie können nichts beitragen. Sie sind völlig abhängig von der Liebe und Fürsorge anderer. Und genau in dieser Abhängigkeit, in dieser Armut, liegt ihre Würde. Sie müssen sich nicht beweisen. Sie dürfen einfach empfangen. So will Gott auch mich sehen. Nicht als jemanden, der ihm etwas bringen muss, sondern als jemanden, der bereit ist zu empfangen. Nicht als Leistungsträger, sondern als geliebtes Kind.
Doch wie schwer fällt mir das! Wie sehr bin ich es gewohnt, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen, mich selbst zu managen, mich selbst zu optimieren. Auch im Glauben suche ich oft nach Techniken, nach Methoden, nach spirituellen Erfolgen. Ich will wachsen, voranschreiten, besser werden, ja, geistlicher werden. Und all das ist ja nicht grundsätzlich falsch. Doch wenn ich ehrlich bin, steckt dahinter oft der Wunsch, die Kontrolle zu behalten. Die Kontrolle über mich selbst, über mein geistliches Leben, über meine Beziehung zu Gott.
Jesus aber sagt: Lass los. Gib die Kontrolle auf. Erkenne deine Armut an. Nicht damit du in Selbstmitleid versinkst, sondern damit du frei wirst für das Geschenk, das ich dir geben will.
In den letzten Tagen habe ich viel über Vertrauen nachgedacht. Echtes Vertrauen ist nur möglich, wenn ich meine Begrenztheit akzeptiere. Solange ich glaube, alles selbst schaffen zu können, brauche ich kein Vertrauen. Vertrauen beginnt dort, wo meine Kraft endet. Vertrauen beginnt in der Armut.
Ich merke, wie diese Seligpreisung mich zugleich tröstet und herausfordert. Sie tröstet mich, weil sie mir sagt: Du musst nicht perfekt sein. Du musst nicht alles richtig machen. Du darfst arm sein, schwach sein, bedürftig sein. Gott liebt dich nicht trotz deiner Armut, sondern er begegnet dir gerade in ihr.
Gleichzeitig fordert sie mich heraus, weil sie mich aus meinen Illusionen reißt. Sie zwingt mich, hinzuschauen auf all die Bereiche in meinem Leben, in denen ich mich reich fühle, selbstgenügsam, unabhängig. Sie fragt mich: Wo hältst du noch krampfhaft fest an deinem Bild von dir selbst? Wo versuchst du noch, aus eigener Kraft gerecht zu werden? Wo bist du noch nicht bereit, deine Armut anzuerkennen? Ich erinnere mich an konkrete Situationen: an eine Diskussion, in der ich unbedingt recht behalten wollte, koste es, was es wolle. An meine Ungeduld mit Menschen, die anders denken als ich. An meinen versteckten Stolz, wenn andere meine Frömmigkeit bemerken, und an meine Angst, das Gesicht zu verlieren und als schwach zu gelten.
All das sind Zeichen dafür, dass ich noch nicht wirklich arm bin vor Gott. Dass ich noch immer versuche, mich selbst zu erhöhen, mich selbst zu rechtfertigen. Und genau hier setzt das Wort Jesu an. Es ist ein liebevolles, aber klares Nein zu meinem Stolz. Es ist ein Ruf in die Wahrhaftigkeit.
Arm vor Gott sein bedeutet nicht, sich selbst zu verachten oder klein zu machen. Es bedeutet, die Wahrheit anzunehmen. Die Wahrheit, dass ich Geschöpf bin und nicht Schöpfer. Dass ich geliebt bin und nicht lieben muss, um geliebt zu werden. Dass mein Wert nicht von meinen Leistungen abhängt, sondern von Gottes bedingungsloser Zuwendung.
In dieser Armut liegt eine tiefe Freiheit. Die Freiheit, nicht mehr kämpfen zu müssen um Anerkennung. Die Freiheit, Fehler machen zu dürfen. Die Freiheit, einfach zu sein, ohne mich ständig beweisen zu müssen. Die Freiheit, von Gottes Gnade zu leben statt von meinen eigenen Anstrengungen.
Und das Himmelreich, von dem Jesus spricht, ist nichts anderes als das Leben in dieser Freiheit. Es ist das Leben in der Gegenwart Gottes, der mich nicht nach meinen Verdiensten beurteilt, sondern mich annimmt, wie ich bin. Es ist das Leben in der Gewissheit, dass ich nicht aus eigener Kraft bestehen muss, sondern getragen bin von einer Liebe, die größer ist als alle meine Schwäche, als alle meine Sünden, die ich bisher begangen habe.
Heute will ich versuchen, diesen Tag in dieser Armut zu leben. Ich will versuchen, meine leeren Hände hinzuhalten und zu empfangen. Ich will versuchen, loszulassen von dem Zwang, alles richtig machen zu müssen. Ich will versuchen, mich anzunehmen in meiner Begrenztheit und darauf zu vertrauen, dass Gott gerade dort wirkt, wo ich schwach bin.
Es ist ein Weg, der mir nicht leichtfällt. Aber ich spüre, dass es der Weg ist, den Jesus mir zeigt. Der Weg der Demut, der Wahrhaftigkeit, der Gnade.
Ich will beten: Herr, lehre mich, arm zu sein vor dir. Nimm mir jeglichen Stolz, der mich von dir trennt. Schenke mir die Demut, meine eigene Bedürftigkeit anzunehmen. Lass mich ganz aus deiner Gnade leben und nicht aus eigener Kraft. Öffne meine Hände weit zum Empfangen. Und schenke mir das Himmelreich, das du denen verheißen hast, die arm sind vor dem Geist. Amen.
Das Himmelreich gehört nicht den Starken, sondern denen, die ihre Armut kennen und sich von Gott beschenken lassen.
Gelobt und gepriesen sei der Herr.