Heu­te Nach­mit­tag war ich noch vol­ler Zorn. Eine Klei­nig­keit, eigent­lich lächer­lich. Der Com­pu­ter funk­tio­nier­te nicht wie gewünscht, eine Datei öff­ne­te sich nicht, das Inter­net war lang­sam, die Web­sei­te reagier­te nicht, wie ich woll­te. Immer wie­der Feh­ler­mel­dung. Ich spür­te, wie die Wut in mir hoch­koch­te, wie sich mein Kie­fer ver­krampf­te, wie sich mei­ne Gedan­ken um die­ses Pro­blem dreh­ten, als wäre es das Wich­tig­ste auf der Welt.

Dann kam die Nach­richt. Ein Bekann­ter ist gestor­ben. Plötz­lich und uner­war­tet. Gestern noch da, heu­te nicht mehr. Kein lan­ges Siech­tum, kei­ne Vor­be­rei­tung, kei­ne Gele­gen­heit zum Abschied. Ein­fach weg.

Und in die­sem Moment zer­platz­te mein Zorn wie eine Sei­fen­bla­se. All die Auf­re­gung, all der Ärger, all die Ener­gie, die ich in die­se Belang­lo­sig­keit inve­stiert hat­te, erschien mir mit einem Mal so absurd, so klein, so unwich­tig. Was soll­te die­se Wut? Was soll­te die­ser Zorn über Din­ge, die in einem Jahr, in einem Monat, ja sogar in einer Stun­de schon längst ver­ges­sen sein wer­den? Und ehr­lich gesagt, ich schäm­te mich dabei.

Ich merk­te, wie ich inner­lich lei­ser wur­de, fast ver­le­gen vor mir selbst. Es war, als wür­de Gott mir einen Spie­gel hin­hal­ten – nicht hart, nicht stra­fend, son­dern still, klar, unbe­stech­lich. Ich sah dar­in mein eige­nes Herz, wie es sich an Klei­nig­kei­ten fest­klam­mert, als gin­ge es um Leben und Tod. Und gleich­zei­tig spür­te ich die­se sanf­te Ein­la­dung, los­zu­las­sen, mich nicht so wich­tig zu neh­men, mich nicht von jeder klei­nen Erschüt­te­rung aus der Ruhe tra­gen zu las­sen. Ein lei­ses, befrei­en­des Auf­at­men ging durch mich hin­durch, und ich dach­te: Viel­leicht ist genau die­ser Moment die eigent­li­che Gna­de – nicht, dass ich nie zor­nig wer­de, son­dern dass ich erken­nen darf, wie unnö­tig es war, und wie­der zurück­fin­den kann zu dem stil­len Ort in mir, an dem Gott war­tet.

Der Tod hat mich heu­te wach­ge­rüt­telt; wie­der mal wach­ge­rüt­telt. Er hat mir einen Spie­gel vor­ge­hal­ten und gezeigt, wie ver­kehrt mei­ne Prio­ri­tä­ten sind. Wie viel Zeit und Kraft ich ver­schwen­de mit Ärger über Nich­tig­kei­ten. Wie wenig ich das Leben genie­ße, wie wenig ich den Augen­blick wert­schät­ze, wie wenig ich dank­bar bin für das, was ich habe.

Jako­bus schreibt: “Ihr wisst doch nicht ein­mal, was mor­gen sein wird. Was ist denn euer Leben? Es ist nur ein Dampf, der kur­ze Zeit sicht­bar ist und dann ver­schwin­det” (Jako­bus 4,14). Ein Dampf seid ihr, der eine klei­ne Zeit sicht­bar ist und dann ver­schwin­det. Ein Dampf. Ein Hauch. Ein Wind­hauch. Es gleicht einem Dampf­wölk­chen, das auf­steigt und sich sogleich wie­der auf­löst. Das ist alles, was von unse­rem Leben bleibt, wenn wir es aus der Per­spek­ti­ve der Ewig­keit betrach­ten. Wir sind hier für einen Augen­blick, und dann sind wir fort.

Das ist eine ernüch­tern­de Wahr­heit. Und sie stellt alles in Fra­ge. Wenn mein Leben so kurz ist, so ver­gäng­lich, so zer­brech­lich, war­um ver­brin­ge ich es dann mit Zorn und Ärger? War­um las­se ich mich von Klei­nig­kei­ten aus der Ruhe brin­gen? War­um ver­schwen­de ich kost­ba­re Lebens­zeit mit Din­gen, die am Ende kei­ne Rol­le spie­len, die ich am Ende nicht lösen kann, zumin­dest nicht sofort.

Der Tod des Bekann­ten hat mich dar­an erin­nert, dass auch mein Leben ein Ablauf­da­tum hat. Ich weiß nicht, wann es ist. Nie­mand weiß das. Es kann in fünf­zig Jah­ren sein oder in fünf­zig Tagen oder in fünf­zig Minu­ten. Und wenn die­ser Moment kommt, was wird dann von Bedeu­tung sein? Die Pro­ble­me, über die ich mich heu­te auf­ge­regt habe? Die Din­ge, die nicht so funk­tio­niert haben, wie ich woll­te? Der Ärger, den ich in mir getra­gen habe wie eine schwe­re Last?

Nein. All das wird ver­schwun­den sein, bedeu­tungs­los, als hät­te es nie exi­stiert. Was bleibt, sind die Bezie­hun­gen, die ich gepflegt habe. Die Lie­be, die ich gege­ben und emp­fan­gen habe. Die Augen­blicke der Freu­de und Dank­bar­keit. Die Spu­ren, die ich in den Her­zen ande­rer Men­schen hin­ter­las­sen habe.

Und vor allem: die Bezie­hung zu Gott, die ich in die­sem Leben auf­ge­baut oder ver­nach­läs­sigt habe.

Die Bibel ermahnt uns immer wie­der, unse­re Tage zu zäh­len, damit wir ein wei­ses Herz gewin­nen. Das bedeu­tet nicht, dass wir stän­dig an den Tod den­ken sol­len, als wären wir düster und lebens­feind­lich. Es bedeu­tet, dass wir im Bewusst­sein der Ver­gäng­lich­keit leben sol­len, im Wis­sen dar­um, dass unse­re Zeit begrenzt ist. Die­ses Bewusst­sein ver­än­dert unse­re Per­spek­ti­ve. Es hilft uns, das Wich­ti­ge vom Unwich­ti­gen zu unter­schei­den.

Wut und Zorn haben ihren Platz. Es gibt einen recht­mä­ßi­gen Zorn über Unge­rech­tig­keit, über Sün­de, über Leid. Jesus selbst wur­de zor­nig, als Er sah, wie das Haus Got­tes zu einer Räu­ber­höh­le gemacht wur­de. Aber der Zorn, den ich heu­te Nach­mit­tag gespürt habe, war nicht die­ser hei­li­ge Zorn. Es war Ärger über Din­ge, die mei­ne Bequem­lich­keit stör­ten, mei­ne Plä­ne durch­kreuz­ten, mei­nen Wil­len fru­strier­ten.

Pau­lus schreibt: “Ver­sün­digt euch nicht, wenn ihr in Zorn gera­tet! Ver­söhnt euch wie­der und lasst die Son­ne nicht über eurem Zorn unter­ge­he” (Ephe­ser 4,26). Das ist eine wei­se Mah­nung. Nicht jeder Zorn ist Sün­de, aber Zorn kann sehr schnell zur Sün­de wer­den, wenn wir ihn fest­hal­ten, wenn wir ihn näh­ren, wenn wir ihm Raum geben, in unse­rem Her­zen zu wuchern.

Und der Zorn über Klei­nig­kei­ten ist fast immer sünd­haft, weil er aus Selbst­sucht, Unge­duld und man­geln­der Lie­be ent­springt.

Was wäre, wenn ich statt­des­sen dank­bar wäre? Was wäre, wenn ich den Tag nicht mit Ärger begän­ne, son­dern mit Dank dafür, dass ich über­haupt noch einen Tag habe? Dass ich atmen kann, sehen kann, den­ken kann, lie­ben kann? Dass ich noch Zeit habe, noch Mög­lich­kei­ten, noch Chan­cen?

Der Bekann­te, der gestern gestor­ben ist, hat die­se Chan­cen nicht mehr. Er kann nicht mehr ein freund­li­ches Wort sagen, nicht mehr sei­ne Fami­lie umar­men, nicht mehr Gott loben, nicht mehr das Leben genie­ßen. Sei­ne Zeit ist abge­lau­fen. Aber mei­ne nicht. Noch nicht. Ich habe heu­te. Ich habe jetzt. Ich habe die­sen Augen­blick. Und wäh­rend ich dar­über nach­dach­te, wur­de mir bewusst, wie leicht ich ver­ges­se, dass jeder Tag ein Geschenk ist. Wie schnell ich mich in Klei­nig­kei­ten ver­lie­re, in Ärger, in Sor­gen, in Din­gen, die mich bin­den, statt mich zu wecken.

Viel­leicht ist es genau das, was der Tod eines Men­schen uns vor Augen stellt: dass das Leben nicht selbst­ver­ständ­lich ist, dass jeder Atem­zug ein letz­ter sein könn­te, und dass gera­de des­halb jeder Moment eine hei­li­ge Mög­lich­keit bleibt. Eine Mög­lich­keit, lie­be­voll zu han­deln, dank­bar zu sein, wach zu wer­den für das, was wirk­lich zählt. Das ist ein Geschenk. Jeder Atem­zug ist ein Geschenk. Jeder Herz­schlag ist ein Geschenk. Jeder Moment, den Gott mir schenkt, ist eine Gna­de, die ich nicht ver­dient habe. Und wie gehe ich mit die­sem Geschenk um? Ver­schwen­de ich es mit Ärger und Zorn? Oder nut­ze ich es, um zu lie­ben, zu die­nen, zu dan­ken, zu leben?

Jesus sag­te: “Sorgt euch nicht um mor­gen, denn der mor­gi­ge Tag wird für das Sei­ne sor­gen. Es ist genug, dass jeder Tag sei­ne eige­ne Pla­ge hat” (Mat­thä­us 6,34). Das ist eine Ein­la­dung, im Heu­te zu leben, im Hier und Jetzt, nicht in der Sor­ge um mor­gen oder im Ärger über gestern. Jeder Tag hat genug Her­aus­for­de­run­gen. Aber jeder Tag hat auch genug Gna­den, genug Schön­heit, genug Grün­de zur Dank­bar­keit, wenn wir nur die Augen dafür haben.

Der Tod lehrt mich, das Leben wert­zu­schät­zen. Nicht das Leben in sei­ner idea­li­sier­ten Form, wo alles per­fekt läuft und nichts schief geht. Son­dern das Leben, wie es ist, mit allen sei­nen Unvoll­kom­men­hei­ten, sei­nen Fru­stra­tio­nen, sei­nen klei­nen Ärger­nis­sen. Denn selbst ein unper­fek­ter Tag ist bes­ser als gar kein Tag. Selbst ein schwie­ri­ger Moment ist ein Geschenk, wenn ich ihn als Gele­gen­heit sehe, Geduld zu ler­nen, Demut zu üben, auf Gott zu ver­trau­en.

Ich den­ke an die Fami­lie des Ver­stor­be­nen. Wel­chen Schmerz sie jetzt durch­ma­chen müs­sen. Wel­che Lee­re sie spü­ren. Wie sehr sie sich wün­schen wür­den, noch einen Tag mit ihm zu haben, noch ein Gespräch, noch eine Umar­mung. Und ich habe die­se Tage noch. Ich habe noch die Mög­lich­keit, Men­schen zu sagen, dass ich sie lie­be. Ich habe noch Zeit, Ver­söh­nung zu suchen, wo Bezie­hun­gen zer­bro­chen sind. Ich habe noch Gele­gen­heit, Gott zu dan­ken, Ihm zu die­nen, Sein Reich zu bau­en.

War­um also ver­schwen­de ich die­se Zeit mit Zorn?

Das ist die Fra­ge, die mich heu­te ver­folgt. Und ich habe kei­ne gute Ant­wort dar­auf. Nur die Ein­sicht, dass ich mich ändern muss. Dass ich ler­nen muss, gelas­se­ner zu wer­den, dank­ba­rer, bewuss­ter. Dass ich auf­hö­ren muss, mich über Din­ge auf­zu­re­gen, die in der Ewig­keits­per­spek­ti­ve kei­ne Rol­le spie­len.

Das wird nicht von heu­te auf mor­gen gesche­hen. Ich ken­ne mich. Ich wer­de mich mor­gen wahr­schein­lich wie­der über irgend­et­was ärgern. Aber viel­leicht wer­de ich dann inne­hal­ten und mich erin­nern. An die­sen Tag. An die Nach­richt. An die Erkennt­nis, wie kost­bar und zer­brech­lich das Leben ist. Und viel­leicht wird das aus­rei­chen, um mei­nen Zorn zu brem­sen, um mei­ne Per­spek­ti­ve zu ändern, um wie­der dank­bar zu wer­den.

Gott schenkt mir jeden Tag neu. Er gibt mir Zeit, die ich nicht ver­dient habe. Und Er lädt mich ein, die­se Zeit wei­se zu nut­zen. Nicht für Ärger und Zorn, son­dern für Lie­be und Dank­bar­keit. Nicht für Klein­lich­keit, son­dern für das, was wirk­lich zählt, was wirk­lich wich­tig ist, die Lie­be zu Chri­stus.

Ich möch­te beten: Herr, ver­gib mir mei­nen unnüt­zen Zorn. Leh­re mich, mei­ne Tage zu zäh­len und wei­se zu leben. Lass mich jeden Augen­blick als Geschenk sehen und dank­bar sein für das Leben, das Du mir schenkst. Amen.

Das Leben ist zu kurz für Zorn über Klei­nig­kei­ten und zu kost­bar, um es nicht dank­bar zu leben.

Gelobt und geprie­sen sei der Herr.

Geist­li­ches Tage­buch