Die Wahr­heit ist eine Per­son: Jesus Chri­stus allein!

Aus einem Moment der Stil­le her­aus ist mir ein Gedan­ke zuge­wach­sen, der mich seit­dem beglei­tet. Er wider­spricht dem Ton unse­rer Zeit, und doch trägt er eine Klar­heit in sich, die mich nicht los­lässt.

Man sagt heu­te so oft: Alle Reli­gio­nen füh­ren zu Gott. Alle Wege sind gleich. Es spielt kei­ne Rol­le, wel­chen Weg du gehst, Haupt­sa­che du bist ehr­lich und meinst es gut. Selbst in den Kir­chen, in den Pre­dig­ten, in den Gesprä­chen höre ich die­sen Ton. Ein sanf­ter, ver­söhn­li­cher Ton, der nie­man­den ver­let­zen will, der nie­man­den aus­schlie­ßen möch­te. Und ich ver­ste­he das. Ich ver­ste­he den Wunsch nach Frie­den, nach Har­mo­nie, nach einem Mit­ein­an­der in die­ser zer­ris­se­nen Welt.

Aber wenn ich in die Stil­le gehe, wenn ich wirk­lich hin­hö­re, dann höre ich etwas ande­res. Dann höre ich eine Stim­me, die sagt: “Ich bin der Weg, die Wahr­heit und das Leben. Nie­mand kommt zum Vater denn durch mich” (Johan­nes 14,6). Das sind die Wor­te Jesu, und sie sind nicht weich, nicht diplo­ma­tisch, nicht aus­wei­chend. Sie sind klar. Sie sind ein­deu­tig. Sie sind exklu­siv.

Und das berei­tet mir Kopf­zer­bre­chen. Nicht etwa, weil ich an der Rich­tig­keit die­ser Wor­te zweif­le, son­dern weil ich spü­re, wie sie heu­te wir­ken. In unse­rer Zeit klin­gen sie schnell eng­her­zig, into­le­rant und lieb­los. Den­noch kann ich nicht umhin, an einem Grund­satz fest­zu­hal­ten: Wenn Jesus die Wahr­heit reprä­sen­tiert, kann nicht gleich­zei­tig alles ande­re glei­cher­ma­ßen wahr sein. Wahr­heit defi­niert sich nun ein­mal dadurch, dass sie das Fal­sche aus­schließt. Das ist kei­ne Här­te, son­dern schlich­te Logik.

Ich den­ke an die vie­len Reli­gio­nen die­ser Welt. Ich den­ke an die auf­rich­ti­gen Sucher, an die from­men Men­schen, die in ande­ren Tra­di­tio­nen beten, fasten und opfern. Ich respek­tie­re ihre Ernst­haf­tig­keit und sehe ihre tie­fe Sehn­sucht nach dem Gött­li­chen. Doch Ernst­haf­tig­keit allein macht einen Weg nicht auto­ma­tisch rich­tig. Ein Mensch kann sich ernst­haft ver­ir­ren und auf­rich­tig den fal­schen Pfad beschrei­ten. Genau des­halb bedarf es jeman­den, der ihm den wah­ren Weg weist.

Das Chri­sten­tum sagt nicht, dass wir Men­schen den Weg zu Gott gefun­den hät­ten. Es sagt, dass der Weg selbst zu uns gekom­men ist. Dar­in liegt der ent­schei­den­de Unter­schied. Alle Reli­gio­nen sind Ver­su­che des Men­schen, zu Gott auf­zu­stei­gen, sich zu erhe­ben, sich hin­auf­zu­ar­bei­ten. Das Chri­sten­tum aber bezeugt, dass Gott den Abstieg gewählt hat – zu uns, in unse­re Welt, in unser Fleisch. In Jesus Chri­stus hat sich Gott selbst offen­bart: nicht als fer­ne Macht, nicht als abstrak­te Idee, son­dern als Per­son, als Mensch, als einer von uns. “Er, das Wort, wur­de Mensch und wohn­te unter uns. Und wir haben sei­ne Herr­lich­keit gese­hen, eine Herr­lich­keit wie sie nur der Eine und Ein­zig­ar­ti­ge vom Vater hat, erfüllt mit Gna­de und Wahr­heit” (Johan­nes 1,14).

Jesus Chri­stus ist das sicht­ba­re Abbild des unsicht­ba­ren Got­tes. In Johan­nes 14,9 ant­wor­tet er auf die Bit­te des Jün­gers Phil­ip­pus mit den Wor­ten: „So lan­ge Zeit bin ich nun schon bei euch, und du hast mich immer noch nicht erkannt, Phil­ip­pus? Wer mich gese­hen hat, hat den Vater gese­hen. Wie kannst du da sagen: ‚Zei­ge uns den Vater‘?“

Hier ver­birgt sich das eigent­li­che Geheim­nis: Die Wahr­heit ist weder ein abstrak­ter Gedan­ke noch eine Phi­lo­so­phie oder eine Metho­de. Die Wahr­heit hat ein Gesicht. Es ist Jesus Chri­stus. Er fun­giert nicht nur als einer unter vie­len Wegen, son­dern er ist der Weg selbst. Er reprä­sen­tiert nicht bloß einen wei­te­ren Gott, son­dern den einen wah­ren Gott in mensch­li­cher Gestalt.

Mir ist bewusst, dass die­se Aus­sa­ge aneckt – das tat sie schon immer. Die frü­hen Chri­sten wur­den nicht pri­mär wegen ihres Glau­bens an Jesus ver­folgt, son­dern wegen ihrer uner­schüt­ter­li­chen Über­zeu­gung, dass er der ein­zi­ge Ret­ter ist. Man zwang sie, vor den Sta­tu­en des Kai­sers Weih­rauch zu opfern und ihn als Herrn anzu­er­ken­nen. Doch sie lehn­ten ab und bekann­ten stand­haft: „Jesus allein ist der Herr“ (Phil­ip­per 2,11). Die­ser Glau­be koste­te sie das Leben.

Heu­te ver­langt man von uns kein Opfer von Weih­rauch mehr. Statt­des­sen for­dert man das Bekennt­nis, dass alle Reli­gio­nen gleich­wer­tig sei­en und glei­cher­ma­ßen zu Gott füh­ren – dass es vie­le Wege, vie­le Wahr­hei­ten und vie­le Her­ren gebe. Wer die­sem all­ge­gen­wär­ti­gen Zeit­geist-Dik­tat wider­spricht und statt­des­sen ent­schlos­sen an der unum­stöß­li­chen Ein­zig­ar­tig­keit Chri­sti als dem ein­zi­gen Heils­brin­ger fest­hält, wird von der heu­ti­gen Öffent­lich­keit unver­züg­lich und oft mit gro­ßer Här­te als into­le­rant, fun­da­men­ta­li­stisch und sogar als gefähr­lich für den gesell­schaft­li­chen Frie­den abge­stem­pelt.

Aber hier drängt sich mir eine grund­le­gen­de Fra­ge auf: Ist es tat­säch­lich ein Akt der Lie­be, jeman­dem zu ver­si­chern, dass alle Wege ans Ziel füh­ren, obwohl dies schlicht­weg falsch ist? Kann man ernst­haft von Tole­ranz spre­chen, wenn man essen­zi­el­le Unter­schie­de ver­wischt? Wenn sich ein Mensch offen­kun­dig auf dem Holz­weg befin­det, erweist man ihm dann einen Dienst, indem man sei­nen Irr­weg schön­re­det? Oder bewahrt man nicht viel­mehr eine ech­te, tie­fe­re Form der Lie­be, indem man den Mut auf­bringt, die unbe­que­me Wahr­heit aus­zu­spre­chen?

Jesus selbst fand kla­re Wor­te: „Geht hin­ein durch die enge Pfor­te. Denn die Pfor­te ist weit und der Weg ist breit, der zur Ver­damm­nis führt, und vie­le sind es, die auf ihm hin­ein­ge­hen. Wie eng ist doch die Pfor­te und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und weni­ge sind es, die ihn fin­den“ (Mat­thä­us 7, 13–14). Das sind zwei­fel­los har­te Aus­sa­gen. Doch sie sind aus tief­ster Lie­be gespro­chen, denn sie die­nen als war­nen­der Weck­ruf und offen­ba­ren uns die unge­schmink­te Wahr­heit. Eine Wahr­heit, die heu­te nie­mand mehr hören will.

Die Fra­ge nach der Ein­zig­ar­tig­keit Got­tes ist weit mehr als ein rein aka­de­mi­sches Streit­ge­spräch – sie berührt den Kern von Leben und Tod. Die bibli­sche Über­lie­fe­rung fin­det hier­zu kla­re Wor­te: Wäh­rend die Göt­ter der Völ­ker lee­re Göt­zen blei­ben, ist es der HERR allein, der den Him­mel geschaf­fen hat. Gewiss gibt es unzäh­li­ge Mäch­te, Gei­ster und angeb­li­che Gott­hei­ten, die Anspruch auf Anbe­tung erhe­ben. Den­noch exi­stiert nur ein ein­zi­ges, wahr­haft gött­li­ches Gegen­über: der Gott Abra­hams, Isaaks und Jakobs, der sich den Men­schen unmiss­ver­ständ­lich in Jesus Chri­stus zu erken­nen gege­ben hat.

Und Jesus ist nicht nur ein Pro­phet, nicht nur ein Leh­rer, nicht nur ein Vor­bild. Er ist Gott selbst. Der Sohn Got­tes, eines Wesens mit dem Vater. In ihm wohnt die gan­ze Fül­le der Gott­heit leib­haf­tig (Kolos­ser 2,9). Wer ihn sieht, sieht den Vater. Wer ihn ablehnt, lehnt den Vater ab (Johan­nes 14,9).

Das ist die Bot­schaft, die einst die Apo­stel ver­kün­de­ten. Für sie nah­men die Mär­ty­rer den Tod auf sich, und durch die Jahr­hun­der­te hin­durch wur­de sie von der Kir­che treu bewahrt. Doch heu­te droht die­se Bot­schaft ver­wäs­sert, dem Zeit­geist ange­passt und ihres abso­lu­ten Wer­tes beraubt zu wer­den.

Ich ver­ste­he das tie­fe Seh­nen nach Ein­heit, nach geleb­ter Öku­me­ne und ech­tem Dia­log. Doch wah­re Ein­heit darf nie­mals auf Kosten der Wahr­heit gehen. Ein authen­ti­scher Dia­log ver­langt nicht, dass wir unse­re Über­zeu­gun­gen über Bord wer­fen. Viel­mehr bedeu­tet er, ein­an­der mit Respekt zuzu­hö­ren und gleich­zei­tig klar, offen und ohne Kom­pro­mis­se zu dem zu ste­hen, was wir glau­ben und war­um wir so glau­ben.

Die Lie­be zu Men­schen ande­rer Reli­gio­nen bedeu­tet nicht, dass ich ihre Über­zeu­gun­gen als gleich­wer­tig mit dem Chri­sten­tum anse­hen muss. Im Gegen­teil: Gera­de aus die­ser tie­fen Ver­bun­den­heit her­aus ist es mei­ne Auf­ga­be, ihnen von Jesus zu erzäh­len, denn in kei­nem ande­ren ist das Heil zu fin­den.

Es ist kein ande­rer Name unter dem Him­mel den Men­schen gege­ben, durch den wir geret­tet wer­den kön­nen. „Und in kei­nem ande­ren ist das Heil; denn es ist auch kein ande­rer Name unter dem Him­mel den Men­schen gege­ben, in dem wir geret­tet wer­den sol­len“ (Apo­stel­ge­schich­te 4,12). Das ist kei­ne Arro­ganz, son­dern rei­ner Gehor­sam. Gehor­sam gegen­über den Wor­ten Jesu Chri­sti und dem Auf­trag, den er sei­nen Jün­gern hin­ter­las­sen hat: “Geht hin­aus in die gan­ze Welt und ver­kün­det allen Men­schen das Evan­ge­li­um. Wer glaubt und sich tau­fen lässt, wird geret­tet; wer jedoch nicht glaubt, wird ver­ur­teilt wer­den” (Mar­kus 16,15–16).

Die­se Wor­te wir­ken hart, aus­gren­zend und kom­pro­miss­los. Den­noch ber­gen sie die ein­zi­ge Hoff­nung für eine ver­lo­re­ne Welt. Denn gäbe es zahl­rei­che Wege zu Gott, wes­halb muss­te Jesus dann den Weg ans Kreuz gehen? Wel­chen Sinn hät­te die­ses furcht­ba­re Opfer gehabt, wenn das Ziel auch auf ande­re Wei­se erreich­bar gewe­sen wäre? Das Kreuz zeigt uns, wie ernst Gott es mit unse­rer Erlö­sung meint. Es zeigt uns, dass es kei­nen ande­ren Weg gab. Die Sün­de muss­te gesühnt wer­den. Die Gerech­tig­keit Got­tes muss­te erfüllt wer­den. Und das konn­te nur durch das stell­ver­tre­ten­de Opfer des Soh­nes Got­tes gesche­hen.

Wenn ich auf das Kreuz blicke, sehe ich kei­ne Eng­stir­nig­keit, son­dern die gren­zen­lo­se Lie­be Got­tes. Ich erken­ne, wie weit er gegan­gen ist, um uns zu ret­ten. Dar­in begrei­fe ich, dass die Ein­zig­ar­tig­keit Chri­sti kei­ne Ein­schrän­kung ist, son­dern die größ­te Ver­hei­ßung über­haupt: Es gibt einen Weg zurück zu Gott. Es gibt Ver­ge­bung. Es gibt Heil. Und die­ser Weg hat einen Namen: Jesus Chri­stus.

In der Stil­le die­ser Erkennt­nis wohnt kein Tri­umph und kei­ne Über­heb­lich­keit, son­dern schlich­te Dank­bar­keit. Dank­bar­keit dafür, dass ich gefun­den wur­de, und dafür, dass mir die Wahr­heit geschenkt wor­den ist. Aus ihr erwächst Ver­ant­wor­tung: die Pflicht, die­se Wahr­heit wei­ter­zu­tra­gen – vol­ler Lie­be und Sanft­mut, aber frei von Kom­pro­mis­sen.

Ich möch­te beten: Herr Jesus Chri­stus, Du bist der Weg, die Wahr­heit und das Leben. Schen­ke mir den Mut, bedin­gungs­los zu Dir zu ste­hen, selbst wenn es unbe­quem wird. Erfül­le mein Herz mit Dei­ner Lie­be, damit mei­ne Wor­te für ande­re spür­bar Dein Licht wider­spie­geln. Bewah­re mich vor Über­heb­lich­keit, aber bewah­re mich eben­so davor, fau­le Kom­pro­mis­se zu schlie­ßen. Lass mich stand­haft blei­ben in Dei­ner Wahr­heit und gleich­zei­tig barm­her­zig mit denen sein, die irren. Du bist der allei­ni­ge Erlö­ser. Dir gebührt die Ehre in Ewig­keit. Amen.

Die Wahr­heit ist kei­ne Mei­nung, son­dern eine Per­son, die uns sucht: Jesus Chri­stus! Gelobt und geprie­sen sei der Herr.

Geist­li­ches Tage­buch

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