In Bayern ruft ein Imam „Allahu Akbar“ in einer evangelischen Kirche – auf Einladung der örtlichen Pfarrerin. Auf JF-Nachfrage stellt sich die Landeskirche nun hinter die Aktion: Sie sei „sachgerecht“ gewesen.
Heute nehme ich die Schlagzeilen mit in die Stille. Ich merke, wie schnell mein Herz laut wird, noch bevor mein Mund etwas sagt. Da ist Unruhe in mir. Da ist Ärger. Da ist auch Traurigkeit. Eine Kirche, ein heiliger Raum, der dem dreieinigen Gott geweiht ist, wird zum Ort, an dem ein anderer Gottesruf erklingt. Und ich frage mich: Was geschieht da mit uns? Was geschieht mit der Kirche? Was geschieht mit meinem eigenen Herzen?
Ich will nicht vorschnell richten. Ich will nicht lieblos werden. Aber ich will auch nicht so tun, als wäre alles gleichgültig. Gerade deshalb suche ich Zuflucht beim Wort Gottes. Es richtet zuerst mich. Es nimmt mir die Härte, aber nicht die Klarheit. Es nimmt mir den Hochmut, aber nicht die Verantwortung. Es lehrt mich, zu unterscheiden, ohne zu verachten.
Vor meinem inneren Auge steht Jesus. Er war gütig zu den Suchenden, geduldig mit den Schwachen, barmherzig mit den Sündern. Aber er war nie unklar über den Vater. Er hat nie den Weg zum Vater verdunkelt, um Frieden mit allen zu haben. Sein Friede war kein Schweigen über die Wahrheit. Sein Friede war Wahrheit in Liebe. Das bewegt mich heute besonders.
Ich frage mich, ob wir als Kirche manchmal der Versuchung verfallen zu glauben, wahre Liebe bestehe darin, unsere Unterschiede zu verwischen. Als könnten wir nur dann Nächstenliebe üben, wenn wir verschweigen, wer Christus ist. Doch wenn ER tatsächlich der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, dann ist es keineswegs lieblos, an ihm festzuhalten – es ist die tiefste Form von Liebe. Eine Liebe, die den Menschen gilt, nicht gegen sie gerichtet ist. Sie speist sich nicht aus Angst, sondern entspringt unserer Treue zu ihm.
Der Ruf „Allahu Akbar“ ist für Muslime ein Bekenntnis. Ich will das nicht kleinreden. Ich will auch keinen Menschen verächtlich machen, der so betet. Jeder Mensch trägt Würde, weil Gott ihn geschaffen hat. Jeder Mensch verdient Achtung, Geduld und die Einladung zur Wahrheit. Aber gerade weil Worte Bedeutung haben, kann ich nicht sagen: Es ist doch nur ein Wort, nur ein Zeichen, nur ein Beitrag zu einem Abend der Religionen. Nein, Worte tragen Glauben. Worte öffnen Räume. Worte bekennen.
Eine Kirche ist kein beliebiger Raum, sondern ein Ort, den Gott sich für die Begegnung mit uns erwählt hat. Sie ist nicht bloß Kulturhaus, Konzertsaal oder neutraler Treffpunkt. Sie ist ein Ort, an dem das Evangelium verkündigt wird, an dem Christus angerufen, sein Kreuz betrachtet, sein Mahl gefeiert, seine Vergebung empfangen wird. Wenn dort ein Ruf erklingt, der aus einem anderen Glauben stammt und zu einem anderen Gottesverständnis gehört, dann muss die Kirche fragen: Dient dies Christus? Führt es zu ihm hin? Oder macht es sein Bekenntnis undeutlich?
Ich merke, wie in mir ein Schmerz aufsteigt. Nicht ein Schmerz gegen Muslime. Nicht gegen Gäste. Sondern ein Schmerz über eine Kirche, die manchmal so sehr dazugehören will, dass sie vergisst, wem sie gehört. Eine Kirche, die Dialog sucht, aber manchmal nicht mehr weiß, von wo aus sie spricht. Eine Kirche, die Brücken bauen will, aber dabei das eigene Fundament nicht mehr benennt. Und in mir regt sich die stille Frage, ob wir uns selbst noch zutrauen, dass Christus wirklich genug ist. Ob wir noch glauben, dass sein Evangelium trägt, ohne dass wir es verkleiden müssen.
Manchmal spüre ich, wie die Sehnsucht nach Anerkennung uns leiser macht, wo wir klar sein müssten, und vorsichtig, wo wir mutig sein dürften. Und ich sitze da, mit diesem Schmerz, und bitte Gott, dass er uns wieder lehrt, aus der Mitte zu leben – aus seiner Mitte.
Die Welt sehnt sich nach einer Kirche, die klar, sanft und wahrhaftig ist. Sie braucht weder laute Anklagen noch Verachtung, aber ebenso wenig eine Gemeinschaft, die aus Konfliktscheue ihr geistliches Fundament preisgibt. Gefragt sind vielmehr Christinnen und Christen, die in tiefem Demutzeugnis bekennen: Wir begegnen euch mit höchster Achtung und bekennen dennoch frei und offen Christus. Wir hören euch zu, ohne unseren eigenen Gottesglauben zu relativieren. Wir öffnen unsere Herzen weit für die Menschen, ohne jemals die kompromisslose Botschaft des Evangeliums zu verwischen.
Manchmal frage ich mich, ob wir uns überhaupt noch zutrauen, diese Haltung einzunehmen – eine Haltung, die frei ist von Härte und Gefälligkeit, und stattdessen einfach wahrhaftig bleibt. Eine Kirche, die weder kämpft noch einknickt, die nicht laut schreit, um Macht zu demonstrieren, und nicht verstummt, um bloß niemandem anzuecken. Eine Kirche, die den Mut besitzt, Christus beim Namen zu nennen, ganz ohne Rechtfertigung.
Vielleicht fängt alles damit an, dass wir wieder wagen, aus dieser inneren Mitte heraus zu leben, anstatt sie nur theoretisch zu beschwören.
Ich spüre auch die Versuchung in mir, hart zu werden. Schlagzeilen können das Herz entzünden. Sie können berechtigte Fragen wecken, aber auch Bitterkeit nähren. Ich muss wachsam sein. Denn es wäre ein schlechter Dienst an der Wahrheit, wenn ich sie mit Zorn verteidige. Die Wahrheit Christi braucht meine Gereiztheit nicht. Sie braucht mein gehorsames Herz. Sie braucht meine Bereitschaft, klar zu sprechen, ohne zu verletzen. Sie braucht Liebe, die nicht flach wird, und Klarheit, die nicht kalt wird.
Vielleicht ist das die eigentliche Prüfung dieser Tage: Nicht nur, was andere tun, sondern wie ich darauf antworte. Bleibe ich im Geist Christi? Bete ich für die Pfarrerin? Bete ich für den Imam? Bete ich für die Menschen, die verunsichert sind? Oder nähre ich nur meine Empörung? Empörung kann sich fromm anfühlen und doch unfruchtbar bleiben. Gebet dagegen macht nüchtern. Es bringt die Dinge vor Gott und nimmt ihnen die Macht, mein Herz zu vergiften.
Martin Luther setzte sich für die Verbreitung des Koran ein. 1542 plädierte er per Brief bei der Stadt Basel dafür, den Druck des islamischen Buches zu genehmigen. Begründung: „Man kann dem Mohammed oder dem Türken nichts Verdrießlicheres tun, ihm auch nicht mehr Schaden zufügen (mehr als mit allen Waffen), als wenn man ihren Koran bei den Christen bekannt macht. Denn dann erkennen sie, was für ein verfluchtes, schändliches und verzweifeltes Buch es ist, voller Lügen, Fabeln und Gräuel.“
Ich denke an Luther. Seine Worte über den Koran sind hart, sehr hart. Sie gehören in eine andere Zeit, in andere Kämpfe, in eine Sprache, die uns heute fremd und schneidend erscheint. Und doch erkenne ich in seinem Anliegen etwas, das bleibt: Der christliche Glaube darf prüfen. Er darf unterscheiden. Er darf falsche Lehre benennen. Er darf auch für die Wahrheit kämpfen. Nicht jeder religiöse Ernst ist schon Wahrheit. Nicht jedes fromme Wort führt zum lebendigen Gott, wie er sich in Jesus Christus offenbart hat.
Doch auch Luther selbst steht unter Christus. Auch seine Schärfe muss sich am Herrn messen lassen. Ich darf ihn nicht als Waffe benutzen, um meine eigene Härte zu rechtfertigen. Ich darf aber auch nicht so tun, als sei klare Abgrenzung immer Hass. Das ist eine Verwirrung unserer Zeit: Wer unterscheidet, gilt schnell als lieblos. Wer bekennt, gilt schnell als eng. Wer fragt, ob ein kirchlicher Raum noch Christus gehört, gilt schnell als Störer des Friedens.
Aber echter Friede entsteht nicht durch Vernebelung. Echter Friede entsteht dort, wo Wahrheit und Liebe einander nicht verlassen. Wenn die Kirche Christus verschweigt, um niemanden zu irritieren, verliert sie am Ende auch die Kraft, wirklich zu lieben. Denn ihre Liebe lebt nicht aus Anpassung, sondern aus dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn.
Ich frage mich: Was hätte ich getan, wenn ich dort gewesen wäre? Hätte ich geschwiegen? Hätte ich mich innerlich zurückgezogen? Hätte ich später gebetet? Hätte ich freundlich nachgefragt? Ich weiß es nicht. Vielleicht wäre ich beschämt gewesen über meine eigene Feigheit. Vielleicht auch über meinen schnellen inneren Protest.
Darum bitte ich heute nicht zuerst um ein Urteil über andere, sondern um ein gereinigtes Herz. Herr, gib mir den Mut, die Heiligkeit deiner Kirche ernst zu nehmen. Gib mir auch die Sanftmut, Menschen nicht auf ihre religiösen Irrtümer zu reduzieren. Lass mich unterscheiden zwischen dem Menschen, den du liebst, und der Lehre, die ich prüfen muss. Lass mich nicht verachten, aber auch nicht schweigen, wenn dein Name undeutlich gemacht wird.
Ich denke an die Menschen, die solche Ereignisse sehen und sich fragen: Hat die Kirche noch eine Mitte? Glaubt sie selbst noch, was sie bekennt? Diese Fragen sind nicht böse. Sie sind Ausdruck einer geistlichen Sorge. Wenn eine Kirche nicht mehr erkennbar Christus bezeugt, wird sie für viele nicht offener, sondern leerer. Menschen suchen nicht nur Begegnung. Sie suchen Wahrheit, Halt, Orientierung, Erlösung. Eine Kirche, die nur moderiert, aber nicht mehr verkündigt, wird am Ende niemandem gerecht.
Und doch darf mein Herz nicht in Angst wohnen. Christus hat seine Kirche nicht verlassen. Auch dort, wo Menschen unklug handeln, bleibt er der Herr. Auch dort, wo Verwirrung wächst, kann er klären. Auch dort, wo sein Name verdunkelt wird, kann er neu aufleuchten. Die Kirche lebt nicht von ihrer eigenen Stärke, sondern von seiner Treue. Das tröstet mich.
Vielleicht ruft mich dieser Tag dazu, selbst treuer zu werden. Nicht nur über die Kirche zu sprechen, sondern Kirche zu sein. Christus zu bekennen in meinem Alltag. Freundlich, aber nicht versteckt. Barmherzig, aber nicht beliebig. Gastfreundlich, aber nicht ohne geistliche Heimat. Ich muss nicht laut werden, um klar zu sein. Ich muss nicht verletzen, um treu zu bleiben. Ich darf einfach bei Christus bleiben.
Und vielleicht heißt das auch, in meiner eigenen Gemeinde treu zu bleiben – nicht als Zuschauer, sondern als Bruder. Sie zu ermahnen, wo sie abirrt, aber sie auch zu tragen im Gebet. Manchmal spüre ich, wie leicht es ist, über die Kirche zu klagen, und wie schwer es ist, sie wirklich zu lieben. Doch vielleicht beginnt Treue genau dort: im stillen Dienen, im geduldigen Hoffen, im beharrlichen Gebet für die Menschen, mit denen ich Christus teile.
Die Stille Zeit zeigt mir: Das Heiligtum beginnt auch im eigenen Herzen. Wenn dort fremde Herren regieren, wenn dort Menschenfurcht, Ärger, Stolz oder Gleichgültigkeit den Ton angeben, dann muss zuerst dort Reinigung geschehen. Ich kann nicht über den Raum der Kirche sprechen, ohne den Raum meiner Seele vor Gott zu öffnen.
So lege ich diese Nachricht vor den Herrn. Ich bringe meine Sorge vor ihn, ich vertraue ihm die Kirche an, die Pfarrerin, den Imam, die Gemeinde, die verunsicherten Gläubigen und ebenso die Spötter. Es geht mir nicht um den Sieg in einer Debatte, sondern um Treue im Zeugnis. Ich bitte um Hirten, die mit Liebe leiten, um Gemeinschaften, die offen bleiben, ohne CHRISTUS zu verlieren, und um Menschen, die sich ihres christlichen Fundaments bewusst sind.
Ich möchte beten: Herr Jesus Christus, behüte deine Kirche in deiner Wahrheit. Heilige unser Reden, unser Hören und unser Tun. Schenke uns eine Liebe, die frei ist von Feigheit, und eine Klarheit, die frei ist von Härte. Lass deinen Namen in unseren Gemeinden, unseren Häusern und unseren Herzen geheiligt sein. Amen.
Wer Christus liebt, darf niemanden verachten, aber er darf auch seinen Herrn nicht verschweigen, nicht verleugnen.
Gelobt und gepriesen sei der Herr.