Heu­te Nach­mit­tag saß ich lan­ge still. Drau­ßen war es dun­kel und reg­ne­risch, und in mir war es auch dun­kel. Ich habe gebe­tet, aber die Wor­te kamen nur stockend. Es ist, als ob mein Herz zu voll ist, zu schwer, um sich in kla­re Sät­ze zu fas­sen. Ich den­ke an die vie­len Kin­der. An die Müt­ter. An die Väter. An die Toten auf bei­den Sei­ten. Und ich fra­ge mich: War­um wird mensch­li­ches Leid unter­schied­lich gewich­tet? Ja, unter­schied­lich mora­lisch bewer­tet?

Ich spre­che heu­te ein The­ma an, das nicht leicht ist und von vie­len sehr schnell falsch ver­stan­den wer­den kann.

Manch­mal spü­re ich, wie Wor­te selbst zu Stol­per­stei­nen wer­den. Wenn man über Leid spricht, über Men­schen, über Schuld und Ver­ant­wor­tung, dann berührt man Wun­den, die noch offen sind. Und doch – Schwei­gen heilt sie nicht. Ich möch­te nicht urtei­len, son­dern hin­se­hen. Hin­se­hen auf das, was zer­bro­chen ist, und auf das, was den­noch lebt. Viel­leicht beginnt Frie­den genau dort, wo wir das Leid des ande­ren nicht mehr als Argu­ment, son­dern als Gebet ver­ste­hen.

War­um wird mensch­li­ches Leid unter­schied­lich gewich­tet?

Das ist kei­ne poli­ti­sche Fra­ge. Es ist eine geist­li­che. Es ist die Fra­ge, die mich nicht los­lässt, wenn ich die Nach­rich­ten lese, wenn ich die Gesich­ter sehe, wenn ich die Namen höre. Auf der einen Sei­te das Mas­sa­ker vom 7 Okto­ber 2023. Unschul­di­ge Men­schen, bru­tal ermor­det, ent­führt, gequält. Auf der ande­ren Sei­te die Bil­der aus Gaza. Kin­der unter Trüm­mern. Hun­ger. Ver­zweif­lung. Tod. Bei­des ist wahr. Bei­des ist uner­träg­lich. Und doch wird oft nur das eine gese­hen, das ande­re ver­schwie­gen oder klein­ge­re­det.

Ich rin­ge nicht um poli­ti­sche Posi­tio­nen. Ich rin­ge um die Wahr­heit des Evan­ge­li­ums. Und die Wahr­heit ist: Jedes Leben ist gleich wert­voll. Jedes Kind ist gleich geliebt von Gott. Jedes Opfer ist ein Mensch mit Namen, Geschich­te, Wür­de. Das steht fest. Das darf nicht ver­han­del­bar sein.

Aber in der Pra­xis erle­be ich etwas ande­res. Ich erle­be, dass Men­schen schnell in Lager ein­ge­teilt wer­den. Wer das Leid der Palä­sti­nen­ser benennt, wird ver­däch­tigt, den Ter­ror zu rela­ti­vie­ren. Wer Isra­els Sicher­heit betont, wird beschul­digt, blind für palä­sti­nen­si­sches Leid zu sein. Es ist ein Minen­feld. Und vie­le schwei­gen lie­ber, aus Angst, miss­ver­stan­den oder abge­stem­pelt zu wer­den. Auch ich habe die­se Angst gespürt. Auch ich habe gezö­gert, laut aus­zu­spre­chen, was in mei­nem Her­zen brennt.

Doch heu­te, in der Stil­le, hat Gott mir etwas zuge­flü­stert, wenn ich das so sagen darf. Nicht laut. Nicht dra­ma­tisch. Aber klar. Er sag­te: „Du sollst nicht schwei­gen aus Angst. Du sollst reden aus Lie­be.” Und das ist der Unter­schied. Angst macht eng. Lie­be macht weit. Angst fragt: „Wie wer­de ich wahr­ge­nom­men?” Lie­be fragt: „Was ist wahr? Was ist gerecht? Was ehrt Gott?”

Ich glau­be, dass Gott Isra­el liebt. Ich glau­be, dass er sein Volk erwählt hat und dass die­se Erwäh­lung nicht wider­ru­fen ist. Aber ich glau­be auch, dass Gott die Palä­sti­nen­ser liebt. Dass er jedes Kind in Gaza kennt. Dass er jede Trä­ne zählt. Und ich glau­be, dass Gott nicht will, dass wir das eine Leid gegen das ande­re aus­spie­len. Er will, dass wir bei­des sehen. Dass wir bei­des betrau­ern. Dass wir uns nicht hin­ter theo­lo­gi­schen oder poli­ti­schen Slo­gans ver­stecken, son­dern hin­schau­en, auch wenn es weh­tut.

Es gibt Men­schen, die sagen: „Wer Isra­el kri­ti­siert, ist anti­se­mi­tisch.” Und es gibt Men­schen, die sagen: „Wer Isra­el ver­tei­digt, ist blind für Unge­rech­tig­keit.” Bei­de Posi­tio­nen machen es sich zu ein­fach. Bei­de ver­hin­dern ech­tes Gespräch. Bei­de ver­hin­dern ech­te Trau­er. Denn Trau­er ist nicht par­tei­isch. Trau­er weint mit allen, die wei­nen. Trau­er fragt nicht zuerst nach Schuld, son­dern nach Mensch­lich­keit.

Und ehr­lich gesagt, wenn ich all das Leid sehe, dann sehe ich kei­ne Mensch­lich­keit mehr, dann sehe ich nur noch Hass, Rache, Ver­gel­tung und Blut­ver­gie­ßen. Die moder­nen, auf­ge­klär­ten Men­schen haben jede Mensch­lich­keit und Moral abge­ge­ben, ja, ver­lo­ren.

Manch­mal erschreckt mich die­ser Gedan­ke selbst. Es ist, als wür­de ein dunk­ler Schlei­er über die Welt lie­gen, und wir alle stol­pern dar­in umher, unfä­hig, das Gesicht des ande­ren zu erken­nen. Viel­leicht ist das die tie­fe­re Wun­de unse­rer Zeit: nicht nur das Leid, das geschieht, son­dern das Herz, das es nicht mehr wahr­nimmt. Und doch glau­be ich, dass Gott genau dort beginnt zu wir­ken, wo wir unse­re eige­ne Ohn­macht ein­ge­ste­hen. Wo wir nicht mehr stark tun, son­dern uns klein füh­len. Wo wir nicht mehr erklä­ren, son­dern nur noch seuf­zen. Viel­leicht ist die­ses Seuf­zen der erste Atem­zug eines neu­en Erbar­mens.

Ich den­ke an Jesus. Er wein­te über Jeru­sa­lem. Er wein­te, obwohl er wuss­te, dass die Stadt ihn ableh­nen wür­de. Er wein­te, weil er die Men­schen lieb­te. Nicht ihre Poli­tik. Nicht ihre Stra­te­gien. Nicht ihre Recht­fer­ti­gun­gen. Son­dern sie. Die Men­schen. Und ich glau­be, dass er heu­te weint über Jeru­sa­lem und über Gaza. Über Tel Aviv und über Rafah. Über jedes zer­stör­te Haus, jedes ver­lo­re­ne Leben, jede zer­bro­che­ne Fami­lie.

Was bedeu­tet das für mich? Es bedeu­tet, dass ich nicht schwei­gen darf, wenn Leid unter­schied­lich gewich­tet wird. Es bedeu­tet, dass ich sagen darf und sagen muss: Bei­des ist Unrecht. Der Ter­ror der Hamas ist Unrecht. Das Ster­ben unschul­di­ger Zivi­li­sten in Gaza ist Unrecht. Ich muss nicht wäh­len. Ich darf bei­des benen­nen. Und ich darf und muss dafür ein­tre­ten, dass jedes Leben zählt.

Das ist kei­ne Rela­ti­vie­rung. Das ist kei­ne Gleich­set­zung. Das ist Barm­her­zig­keit. Das ist das, was Gott von uns for­dert: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir for­dert: nichts als Got­tes Wort hal­ten und Lie­be üben und demü­tig sein vor dei­nem Gott” (Micha 6,8).

Lie­be üben – nicht selek­tiv, nicht stra­te­gisch, nicht tak­tisch –, son­dern radi­kal und ohne Bedin­gun­gen. Lie­be üben heißt, jedem Men­schen mit der­sel­ben Wür­de zu begeg­nen, unab­hän­gig von sei­ner Her­kunft, sei­ner Nati­on, sei­ner Reli­gi­on oder sei­ner poli­ti­schen Über­zeu­gung. Es bedeu­tet, das Herz nicht zu ver­schlie­ßen, wenn der ande­re anders denkt, anders lebt oder anders glaubt.

Wah­re Lie­be sucht kei­nen Vor­teil, sie rech­net nicht, sie wägt nicht ab. Sie sieht den Men­schen, nicht die Kate­go­rie. Sie sieht das Gesicht, nicht die Schlag­zei­le. Sie bleibt offen, auch wenn die Welt hart wird, und sie bleibt sanft, auch wenn alles nach Här­te ruft. Ich weiß, dass das unbe­quem ist. Ich weiß, dass es mich angreif­bar macht. Ich weiß, dass man­che mich miss­ver­ste­hen wer­den. Aber ich glau­be, dass Gott nicht Bequem­lich­keit von mir erwar­tet, son­dern Treue. Treue zu sei­nem Wort. Treue zu sei­ner Gerech­tig­keit. Treue zu sei­ner Lie­be, die unter­schieds­los ist.

In die­sen Tagen habe ich oft das Gefühl, dass die Welt lau­ter wird, aber die Wahr­heit lei­ser. Dass die Mei­nun­gen här­ter wer­den, aber die Her­zen käl­ter. Dass die Fron­ten kla­rer wer­den, aber die Mensch­lich­keit ver­schwom­me­ner. Und dage­gen möch­te ich mich stel­len. Nicht mit Aggres­si­on. Nicht mit Ankla­ge. Son­dern mit der stil­len, beharr­li­chen Über­zeu­gung, dass Gott anders ist. Dass sein Reich anders ist. Dass sei­ne Lie­be anders ist.

Ich möch­te nicht Teil einer Maschi­ne­rie sein, die Leid hier­ar­chi­siert. Ich möch­te nicht mit­spie­len in einem Spiel, in dem nur bestimm­te Opfer zäh­len. Ich möch­te treu blei­ben. Treu der Wahr­heit. Treu der Lie­be. Treu dem Gott, der kei­nen Unter­schied macht zwi­schen Jude und Palä­sti­nen­ser, zwi­schen Israe­li und Ara­ber, zwi­schen dir und mir.

Das ist mein Kampf. Das ist mei­ne Fra­ge. Und das ist mein Trost: Dass Gott sieht. Dass er weiß. Dass er rich­tet. Und dass er trö­stet. Jeden, der weint. Jeden, der lei­det. Jeden, der ver­lo­ren hat. Ohne Anse­hen der Per­son.

Doch eines ist mir wich­tig zu erwäh­nen: Hass und Gewalt auf bei­den Sei­ten sehe ich als eben­so falsch wie gefähr­lich. Demon­stra­tio­nen, das öffent­li­che Aus­spre­chen von Schmerz, das Rin­gen um Gerech­tig­keit – all das hat sei­nen Platz. Aber ohne Gewalt. Ohne Hass. Ohne die Ver­ach­tung des ande­ren. Denn wo Hass beginnt, endet jede Mög­lich­keit von Hei­lung.

Und wo Gewalt spricht, ver­stummt die Wahr­heit. Ich glau­be, dass Gott uns nicht ruft, Par­tei zu ergrei­fen im Kampf der Ideo­lo­gien, son­dern Zeu­gen sei­ner Lie­be zu sein – einer Lie­be, die nicht zer­stört, son­dern bewahrt; die nicht spal­tet, son­dern ver­bin­det; die nicht schreit, son­dern trägt.

Manch­mal fra­ge ich mich, ob wir über­haupt noch wis­sen, wie man in die­ser Welt fried­lich steht. Nicht pas­siv, nicht gleich­gül­tig, son­dern fest und den­noch sanft. Viel­leicht ist das die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung unse­rer Zeit: ein Herz zu behal­ten, das nicht ver­här­tet, und eine Stim­me, die nicht ver­roht. Ein Mensch zu blei­ben, auch wenn die Welt unmensch­lich wird.

Ich glau­be, die Welt hat ver­lernt, wie man Frie­den schafft. Nicht weil die Werk­zeu­ge feh­len, son­dern weil die Her­zen ver­här­tet sind. Diplo­ma­tie ist zu einem tech­ni­schen Begriff gewor­den, zu einem poli­ti­schen Instru­ment, das man ein­setzt, wenn es passt – aber nicht mehr zu einer Hal­tung.

Frü­her bedeu­te­te Diplo­ma­tie, Brücken zu bau­en, selbst wenn der Fluss dar­un­ter tob­te. Heu­te scheint sie oft nur noch ein rhe­to­ri­sches Manö­ver zu sein, ein Ver­such, Zeit zu gewin­nen, statt Ver­trau­en zu schaf­fen. Viel­leicht ist das der tief­ste Ver­lust unse­rer Zeit: dass wir nicht mehr wis­sen, wie man auf den ande­ren zugeht, ohne zuerst die eige­nen For­de­run­gen vor­zu­le­sen. Dass wir nicht mehr wis­sen, wie man zuhört, ohne sofort zu wider­spre­chen. Dass wir nicht mehr wis­sen, wie man Frie­den sucht, ohne ihn gleich­zei­tig zu sabo­tie­ren. Und doch seh­ne ich mich danach, dass Gott uns neu lehrt, was es heißt, Frie­den zu stif­ten – nicht als Stra­te­gie, son­dern als Lebens­form.

Ich bete heu­te für den Frie­den. Nicht für einen bil­li­gen Frie­den, der Unrecht ver­schweigt. Son­dern für den Frie­den, der aus Gerech­tig­keit wächst. Für den Frie­den, der aus Wahr­heit kommt. Für den Frie­den, den nur Gott geben kann.

Ich möch­te beten: Herr, gib mir Mut, die Wahr­heit zu sagen. Gib mir Lie­be, sie sanft zu sagen. Gib mir Weis­heit, bei­des nicht zu ver­lie­ren. Lass mein Herz weit sein für alle, die lei­den. Lass mei­nen Mund offen sein für alle, die kei­ne Stim­me haben. Und lass mei­ne See­le still sein vor dir, der du gerecht bist und barm­her­zig zugleich. Amen.

Jedes Leben zählt vor Gott: ohne Wenn und Aber.

Gelobt und geprie­sen sei der Herr.