Hiob 1,1–5: “Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Der war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse. Und er zeugte sieben Söhne und drei Töchter, und er besaß siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen und sehr viel Gesinde, und er war reicher als alle, die im Osten wohnten. Und seine Söhne gingen hin und machten ein Festmahl, ein jeder in seinem Hause an seinem Tag, und sie sandten hin und luden ihre drei Schwestern ein, mit ihnen zu essen und zu trinken. Und wenn die Tage des Mahles um waren, sandte Hiob hin und heiligte sie und machte sich früh am Morgen auf und opferte Brandopfer nach ihrer aller Zahl; denn Hiob dachte: Meine Söhne könnten gesündigt und Gott abgesagt haben in ihrem Herzen. So tat Hiob allezeit.”
Heute Morgen saß ich lange mit dem ersten Kapitel des Hiobbuches. Die Verse über diesen frommen Mann aus Uz haben mich nicht losgelassen. Da steht er vor mir, dieser Hiob, in seiner ganzen Rechtschaffenheit, mit seinem Reichtum, seinen Kindern, seinem tadellosen Leben. Und doch spüre ich beim Lesen eine seltsame Unruhe in mir aufsteigen.
Hiob war fromm und rechtschaffen, so heißt es. Er fürchtete Gott und mied das Böse. Was für ein Zeugnis. Was für ein Leben. Und dann dieser letzte Satz des Abschnitts, der mich nicht loslässt: “Hiob stand früh am Morgen auf und opferte Brandopfer für seine Kinder, denn er dachte, sie könnten gesündigt haben. So tat Hiob allezeit.”
Allezeit. Dieses Wort hallt in mir nach. Ich frage mich, ob ich hier nicht nur Frömmigkeit sehe, sondern auch etwas anderes. Etwas, das ich aus meinem eigenen Herzen kenne und das mich beschämt. Ist das nicht auch Angst? Ist das nicht der Versuch, Gott und das Leben zu kontrollieren durch religiöse Handlungen? Opfere ich nicht auch manchmal, bete ich nicht auch manchmal, nicht aus Liebe, sondern aus Furcht, es könnte etwas schiefgehen?
Vielleicht ist es tatsächlich ein Stück Werkegerechtigkeit, das sich in mir regt. Ein altes, tiefes Muster: Wir beten, wir fasten, wir verzichten, wir opfern – nicht nur, um Gott zu gefallen, sondern vielleicht auch, um ihn milde zu stimmen. Als könnten wir durch unsere Frömmigkeit die Welt ein wenig sicherer machen, als könnten wir durch geistliche Disziplin verhindern, dass das Leben uns entgleitet. Ich ertappe mich dabei, wie ich manchmal denke: Wenn ich treu bin, wenn ich bete, wenn ich mich bemühe, dann wird Gott mich doch schützen, dann wird er doch eingreifen, dann wird er doch das Schlimmste verhindern.
Und plötzlich merke ich, wie sehr ich mich selbst in diesen Gedanken verstricke – wie sehr ich Gott zu einem Gegenüber mache, das ich beeinflussen möchte, statt mich ihm einfach zu überlassen.
Ich denke an meine eigenen Sorgen. An die Menschen, die mir anvertraut sind. An meine Kinder, wenn ich welche hätte. An die, die ich liebe; Freunde, Familie, Menschen, die mir anvertraut sind. Wie oft liegt mein Herz wach und malt sich aus, was alles geschehen könnte. Wie oft versuche ich durch Gebet, durch Frömmigkeit, durch gute Werke eine Art Schutzwall zu errichten gegen das Unglück. Als ob Gott ein Automat wäre, den ich mit meinen Opfern füttern könnte, damit er mir gnädig bleibt.
Hiob stand früh am Morgen auf. Ich stelle mir vor, wie er da steht, im Morgengrauen, während seine Kinder noch schlafen. Er bringt seine Opfer dar, eines nach dem anderen, für jedes Kind. Was geht in ihm vor? Liebt er Gott oder fürchtet er ihn? Oder ist beides so verwoben, dass er selbst es nicht mehr unterscheiden kann?
Die Schrift sagt, er war fromm. Und ich glaube das auch. Aber ich beginne zu verstehen, dass selbst Frömmigkeit eine Versuchung sein kann. Sie kann zur Methode werden, zur Technik, zum Mittel, mit dem ich versuche, mein Leben in den Griff zu bekommen. Ich kann fromm sein und dabei Gott verfehlen. Ich kann beten und fasten und Gutes tun und dabei doch nicht in der Liebe bleiben, sondern in der Angst gefangen sein.
Was bedeutet es wirklich, Gott zu fürchten? Hiob fürchtete Gott, so steht es geschrieben. Aber die Furcht des Herrn, von der die Schrift spricht, ist doch etwas anderes als diese krampfhafte Sorge, die sich hinter religiösen Übungen versteckt. Die wahre Gottesfurcht ist erfüllt von Ehrfurcht, von Staunen, von Demut vor dem Geheimnis Gottes. Sie ist nicht verkrampft, sondern weitet das Herz. Sie macht nicht ängstlich, sondern frei.
Und doch sehe ich bei Hiob etwas, das mir vertraut ist. Er konnte nicht loslassen. Er konnte seine Kinder nicht Gott überlassen, ohne diese ständigen Opfer, diese ständige Absicherung. So tat Hiob allezeit. Immer. Ohne Unterlass. Als ob er keine Ruhe fände.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Gott ansetzen wollte. Vielleicht musste Hiob durch all das Leid gehen, das später über ihn kam, nicht weil er böse war, sondern weil seine Frömmigkeit noch nicht ganz rein war. Weil er Gott noch nicht ganz vertraute. Weil er meinte, er müsse durch seine Opfer etwas bewirken, etwas sichern, etwas garantieren.
Ich denke an Jesus, der gesagt hat, wir sollen nicht sorgen wie die Heiden. Wir sollen nicht meinen, wir würden erhört, wenn wir viele Worte machen: “Beim Beten sollt ihr nicht plappern wie die Menschen, die Gott nicht kennen. Sie denken, dass sie erhört werden, wenn sie viele Worte machen” (Matthäus 6,7). Gott weiß, was wir brauchen, bevor wir ihn bitten. Das ist eine ganz andere Haltung als die des Hiob, der früh am Morgen aufstand, um durch seine Opfer vorzusorgen.
Bedeutet das, wir sollen nicht beten für die, die wir lieben? Nein, gewiss nicht. Aber es gibt einen Unterschied zwischen einem Gebet, das aus Vertrauen kommt, und einem Gebet, das aus Angst kommt. Es gibt einen Unterschied zwischen Fürbitte und Kontrolle. Die Fürbitte legt die Geliebten in Gottes Hände und lässt sie dort. Die Angst will sie durch religiöse Handlungen absichern und kann sie nie ganz loslassen.
Hiob war reicher als alle im Osten. Er hatte alles, was ein Mensch sich wünschen kann. Und doch hatte er keine Ruhe. Seine Frömmigkeit gab ihm keine Ruhe, sondern trieb ihn an, immer wieder zu opfern, immer wieder zu sorgen. Wie anders klingt da das Wort Jesu: “Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken” (Matthäus 11,28)
Ich muss an meine eigene Frömmigkeit denken. An meine Gebetszeiten, meine geistlichen Übungen, meine Bemühungen, ein gutes Leben zu führen. Wie viel davon kommt aus Liebe? Wie viel aus Vertrauen? Und wie viel aus dieser unterschwelligen Angst, es könnte nicht reichen, ich könnte nicht genügen, Gott könnte mir nicht gnädig sein, wenn ich nicht genug tue?
Das ist eine schmerzliche Frage. Aber ich glaube, sie muss gestellt werden. Denn wenn meine Frömmigkeit mich nicht in die Freiheit führt, wenn sie mich nicht zur Ruhe kommen lässt, wenn sie mich nicht in der Liebe festigt, dann ist etwas nicht in Ordnung. Dann dient sie vielleicht meiner Angst mehr als Gott.
Hiob musste alles verlieren, bevor er Gott wirklich begegnete. Bevor er aufhörte, über Gott zu reden, und anfing, Gott selbst zu sehen. Am Ende des Buches sagt er: “Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen, aber nun hat mein Auge dich gesehen” (Hiob 42,5). All seine Frömmigkeit, all seine Opfer hatten ihm diese Begegnung nicht gegeben. Erst in der völligen Entblößung, als ihm nichts mehr blieb, fand er zu Gott.
Das erschreckt mich und tröstet mich zugleich. Es erschreckt mich, weil ich sehe, wie wenig all meine religiösen Bemühungen wert sind, wenn sie nicht aus der Liebe kommen. Und es tröstet mich, weil ich verstehe, dass Gott mehr will als meine Opfer. Er will mich selbst. Er will mein Herz, nicht meine Leistungen.
Vielleicht ist die Lektion aus diesen ersten Versen des Hiobbuches nicht, dass wir so fromm werden sollen wie Hiob. Vielleicht ist die Lektion, dass selbst die größte Frömmigkeit uns nicht vor Leid bewahrt und dass selbst die aufrichtigste Rechtschaffenheit noch gereinigt werden muss. Dass wir alle den Weg gehen müssen von einer Frömmigkeit, die kontrollieren will, zu einem Glauben, der vertraut. Von einer Religion der Angst zu einer Beziehung der Liebe.
Ich will lernen, loszulassen. Ich will lernen, die Menschen, die ich liebe, wirklich in Gottes Hände zu legen, ohne sie ständig durch meine Gebete und Sorgen wieder zurückzunehmen. Ich will lernen, dass Gott gut ist, auch wenn ich nicht jeden Morgen Opfer bringe. Dass seine Gnade nicht von meinen Leistungen abhängt. Dass er mich liebt, nicht weil ich so fromm bin, sondern weil er Liebe ist.
Das ist schwer für jemanden, der wie ich gelernt hat, sich anzustrengen, alles richtig zu machen, Gott durch ein tadelloses Leben zu gefallen. Aber ich ahne, dass auf diesem Weg keine Freiheit liegt. Nur wenn ich aufhöre, mein Heil durch Frömmigkeit zu sichern, und anfange, es als Geschenk zu empfangen, werde ich wirklich zur Ruhe kommen.
Und doch sehe ich meine Bibeltreue – dieses tiefe, ehrliche Ringen, Gottes Wort ernst zu nehmen, es zu leben, es zu ehren. Aber manchmal spüre ich, wie selbst diese Treue sich verengen kann, wie sie sich heimlich in eine gesetzliche Frömmigkeit verwandelt. Ein innerer Druck, alles richtig zu machen, jede Nuance zu beachten, ja nichts zu verpassen, was Gott von mir erwarten könnte. Es ist, als würde die Schrift mich rufen und zugleich einengen, nicht weil sie hart wäre, sondern weil mein Herz sie mit Angst liest.
Ich möchte lernen, die Bibel nicht als Gesetzbuch zu halten, sondern als Liebesbrief. Nicht als Last, sondern als Licht. Nicht als Forderung, sondern als Freiheit. Und vielleicht beginnt dieses Lernen genau hier: im Loslassen. Im Vertrauen, dass Gott größer ist als meine Genauigkeit – und dass seine Gnade weiter reicht als meine Frömmigkeit.
Ich möchte beten: Herr Jesus Christus, du siehst mein Herz. Du weißt, wie sehr ich mich bemühe und wie wenig ich vertraue. Lehre mich, in deiner Liebe zu ruhen statt in meiner Frömmigkeit zu werkeln. Lass mich loslassen, was ich nicht halten kann, und empfangen, was du mir schenken willst. Befreie mich von der Angst und erfülle mich mit deinem Frieden. Amen.
Wahre Frömmigkeit ruht in Gott, sie jagt ihm nicht hinterher.
Gelobt und gepriesen sei der Herr.
Kommentare von admin