Der Hunger, der nicht leer bleibt: Von wahrer Sehnsucht!

Heu­te sit­ze ich vor einem Wort, das mich bis in die Tie­fe mei­nes Wesens hin­ein anspricht: „Glück­se­lig sind, die nach der Gerech­tig­keit hun­gern und dür­sten, denn sie sol­len satt wer­den!” (Mat­thä­us 5,6). Hun­ger und Durst. Jesus wählt kei­ne mil­den Wor­te. Er spricht nicht von einem leich­ten Wunsch oder einer vagen Sehn­sucht. Er spricht von exi­sten­zi­el­len Bedürf­nis­sen, von etwas, ohne das der Mensch nicht leben kann.

Ich fra­ge mich: Wann habe ich zuletzt wirk­lich gehun­gert? Wann habe ich ech­ten Durst erlebt, der mich ver­zehrt, der alles ande­re unwich­tig wer­den lässt? Ich lebe in einer Welt des Über­flus­ses. Mein Kühl­schrank ist voll, Was­ser kommt aus dem Hahn, wann immer ich will. Ich ken­ne kei­nen wirk­li­chen Hun­ger, kei­nen ech­ten Durst. Und gera­de des­halb ver­ste­he ich viel­leicht auch nicht, wovon Jesus hier spricht.

Und doch mer­ke ich, wie töricht es wäre, nur an mich zu den­ken. Denn wäh­rend ich hier sit­ze, satt, ver­sorgt, sicher, gibt es da drau­ßen Mil­lio­nen von Men­schen, die hun­gern und dür­sten – nicht im über­tra­ge­nen Sinn, son­dern wirk­lich, kör­per­lich, täg­lich. Men­schen, deren Magen schmerzt, deren Keh­le brennt, deren Kräf­te schwin­den. Men­schen, die nicht wis­sen, ob sie mor­gen etwas zu essen fin­den, ob ihre Kin­der über­le­ben, ob das Was­ser, das sie trin­ken, sie nicht krank macht. Und ich spü­re, wie beschä­mend mein Über­fluss ist, wenn ich ihn neben ihre Not hal­te. Viel­leicht spricht Jesus des­halb so radi­kal vom Hun­ger und Durst nach Gerech­tig­keit – weil ech­ter Hun­ger alles ande­re rela­ti­viert, weil ech­ter Durst jede Neben­sa­che ver­schluckt. Viel­leicht kann ich sei­ne Wor­te erst dann wirk­lich begrei­fen, wenn ich mich nicht nur fra­ge, wann ich zuletzt gehun­gert habe, son­dern wann ich zuletzt den Hun­ger der ande­ren wirk­lich gese­hen habe.

Denn Hun­ger und Durst sind kei­ne Spie­le­rei­en. Sie sind Not­schreie des Kör­pers. Wer wirk­lich hun­gert, denkt an nichts ande­res mehr als an Nah­rung. Wer wirk­lich dür­stet, wür­de alles geben für einen Schluck Was­ser. Die­se Bedürf­nis­se dul­den kei­nen Auf­schub. Sie for­dern abso­lu­te Prio­ri­tät. Sie las­sen sich nicht ver­trö­sten, nicht ver­drän­gen, nicht igno­rie­ren.

„Glück­se­lig sind, die nach der Gerech­tig­keit hun­gern und dür­sten, denn sie sol­len satt wer­den!” (Mat­thä­us 5,6).

Jesus sagt: So uner­bitt­lich soll mein Hun­ger nach Gerech­tig­keit sein. So radi­kal, so exi­sten­zi­ell, so alles ver­zeh­rend. Doch wenn ich in mein eige­nes Herz blicke, durch­fährt mich ein Schreck. Wonach hun­ge­re ich im Tief­sten? Wonach dür­stet es mich? Nach Aner­ken­nung viel­leicht. Nach Sicher­heit. Nach Kom­fort. Nach Unter­hal­tung. Nach Ablen­kung. Aber nach Gerech­tig­keit? Ver­zehrt mich die­ser Hun­ger wirk­lich? Treibt mich die­ser Durst schlaf­los um?

Ich muss ehr­lich sein: Mei­stens bin ich satt. Satt und zufrie­den. Es geht mir gut, mei­ne Bedürf­nis­se sind erfüllt, ich habe, was ich brau­che. Und in die­ser Satt­heit wird mir die Unge­rech­tig­keit der Welt erträg­lich. Ich sehe sie, ja. Ich bedaue­re sie viel­leicht. Aber sie treibt mich nicht um. Sie raubt mir nicht den Schlaf. Sie ver­zehrt mich nicht.

Doch Jesus spricht von einer ande­ren Art zu leben. Er spricht von Men­schen, die nicht zufrie­den sind mit dem Sta­tus quo. Die nicht akzep­tie­ren kön­nen, dass Din­ge so sind, wie sie sind. Die sich ver­zeh­ren nach einer Welt, in der Got­tes Wil­le geschieht, in der sein Reich Wirk­lich­keit wird, in der Gerech­tig­keit herrscht.

Was meint Jesus eigent­lich mit dem Begriff der Gerech­tig­keit? Wenn wir sei­ne Wor­te und Taten genau­er betrach­ten, wird schnell klar, dass es hier­bei um weit mehr geht als nur um ober­fläch­li­che Fair­ness, büro­kra­ti­sche Geset­zes­er­fül­lung oder eine rein mathe­ma­ti­sche Gleich­heit unter den Men­schen. Viel­mehr geht es um die tie­fe, umfas­sen­de und ret­ten­de Gerech­tig­keit Got­tes selbst. Es geht letzt­lich dar­um, dass die gesam­te Welt und alles, was exi­stiert, wie­der so wird, wie Gott es sich von Anfang an vor­ge­stellt und gemeint hat. Die Schöp­fung soll in ihrer ursprüng­li­chen Schön­heit heil wer­den, und jede Wun­de, die ihr zuge­fügt wur­de, soll ver­hei­len. Zer­bro­che­ne und zer­stör­te Bezie­hun­gen zwi­schen Men­schen sowie zwi­schen Mensch und Schöp­fer wer­den voll­stän­dig wie­der­her­ge­stellt. In die­ser gött­li­chen Rea­li­tät wird das Böse in all sei­nen For­men end­gül­tig über­wun­den, wäh­rend gleich­zei­tig die gött­li­che Lie­be unwi­der­ruf­lich tri­um­phiert. Genau das ist die umfas­sen­de und befrei­en­de Gerech­tig­keit, die Got­tes Reich aus­zeich­net.

Nach die­ser Gerech­tig­keit soll ich hun­gern. Aber ich mer­ke, wie wenig ich das tue. Ich arran­gie­re mich mit der Unge­rech­tig­keit. Mit der Tat­sa­che, dass Mil­lio­nen hun­gern, wäh­rend ich im Über­fluss lebe. Mit der Tat­sa­che, dass Men­schen gefol­tert wer­den, wäh­rend ich in Sicher­heit bin. Mit der Tat­sa­che, dass Kin­der miss­braucht wer­den, wäh­rend ich weg­schaue. Mit der Tat­sa­che, dass die Schöp­fung zer­stört wird, wäh­rend ich mei­nen Kom­fort genie­ße.

Mein Man­gel an Hun­ger nach Gerech­tig­keit offen­bart etwas über den Zustand mei­nes Her­zens. Er zeigt, wie sehr ich mich ein­ge­rich­tet habe. Wie sehr ich mich ange­passt habe an eine Welt der Unge­rech­tig­keit. Wie sehr ich Teil des Systems gewor­den bin, das ich eigent­lich ableh­nen soll­te. Mei­ne Satt­heit ist kei­ne Tugend. Sie ist eine geist­li­che Gefahr.

Jesus sagt nicht: Glück­se­lig sind die Sat­ten. Er sagt: Glück­se­lig sind die Hun­gern­den. Denn nur wer hun­gert, kann satt wer­den. Wer schon satt ist, wer sich zufrie­den gibt mit dem, was ist, der ver­schließt sich der Fül­le, die Gott schen­ken will. Der Hun­ger ist die Vor­aus­set­zung für die Sät­ti­gung.

Ich den­ke an die erste Selig­prei­sung: “Glück­se­lig sind die geist­lich Armen, denn ihrer ist das Reich der Him­mel!” (Mat­thä­us 5,3 — zum Arti­kel). Glück­se­lig sind die Armen im Geist. Auch dort geht es um einen Man­gel, um eine Lee­re, um ein Bewusst­sein des­sen, was fehlt. Und hier wie­der: Glück­se­lig sind die Hun­gern­den und Dür­sten­den. Jesus preist nicht die Erfolg­rei­chen, nicht die Zufrie­de­nen, nicht die, die ange­kom­men sind. Er preist die, die wis­sen, dass etwas fehlt. Die sich nicht zufrie­den geben. Die mehr wol­len.

Die­ser Hun­ger nach Gerech­tig­keit hat zwei Dimen­sio­nen. Da ist zunächst der Hun­ger nach Got­tes Gerech­tig­keit für mich selbst. Ich bin nicht gerecht. Ich bin ein Sün­der. Ich ste­he schul­dig vor Gott. Und ich kann mich nicht selbst gerecht machen. Alle mei­ne Ver­su­che, ein gutes Leben zu füh­ren, rei­chen nicht aus. Ich brau­che eine Gerech­tig­keit, die von außen kommt, die mir geschenkt wird. Ich brau­che Got­tes Gerech­tig­keit.

Pau­lus schreibt davon, dass wir die Gerech­tig­keit, die vor Gott gilt, nicht durch Wer­ke erlan­gen, son­dern durch den Glau­ben an Jesus Chri­stus (Römer 3, 21–28). Das ist die fro­he Bot­schaft: Dass Gott mich gerecht macht, nicht weil ich es ver­dient hät­te, son­dern aus Gna­de. Dass er mir sei­ne Gerech­tig­keit schenkt. Dass ich ange­nom­men bin, obwohl ich nicht gerecht bin.

Nach die­ser Gerech­tig­keit soll ich hun­gern. Ich soll wis­sen, dass ich sie brau­che. Dass ich ohne sie ver­lo­ren bin. Dass mei­ne eige­ne Gerech­tig­keit nicht reicht. Die­ser Hun­ger treibt mich zu Gott. Er lässt mich nicht ruhen in mei­nen eige­nen Bemü­hun­gen. Er lässt mich nicht zufrie­den sein mit mei­ner eige­nen Mora­li­tät.

Doch der Hun­ger nach Gerech­tig­keit hat noch eine zwei­te Dimen­si­on. Es geht nicht nur um mei­ne eige­ne Gerech­tig­keit vor Gott. Es geht auch um die Gerech­tig­keit in die­ser Welt. Um die sozia­le, poli­ti­sche, wirt­schaft­li­che Gerech­tig­keit. Um das Reich Got­tes, das auf Erden Wirk­lich­keit wer­den soll. Um die Ver­wand­lung die­ser Welt nach Got­tes Wil­len.

Wie sehr hun­ge­re ich danach? Wie sehr treibt es mich um, dass Kin­der ver­hun­gern? Dass Men­schen ver­sklavt wer­den? Dass Unschul­di­ge lei­den? Dass die Mäch­ti­gen die Schwa­chen aus­beu­ten? Dass Lüge und Gewalt herr­schen, wo Wahr­heit und Lie­be sein soll­ten? Oder habe ich mich damit abge­fun­den, dass die Welt nun ein­mal so ist?

Und wenn ich ehr­lich bin, spü­re ich genau an die­sem Punkt eine lei­se, aber hart­näcki­ge Wahr­heit in mir: Wir haben uns doch längst damit abge­fun­den. Nicht bewusst, nicht zynisch, aber still, schlei­chend, wie ein Nebel, der sich über das Herz legt. Wir lesen Nach­rich­ten, schüt­teln den Kopf, viel­leicht beten wir ein kur­zes Gebet – und dann machen wir wei­ter, weil wir nicht wis­sen, wohin mit all die­ser Ohn­macht. Viel­leicht ist es eine Art Selbst­schutz, viel­leicht eine Müdig­keit der See­le, viel­leicht auch ein stil­les Ein­ge­ständ­nis, dass wir die Welt nicht ret­ten kön­nen. Und doch mer­ke ich, wie gefähr­lich die­se Gleich­gül­tig­keit ist, wie sie mich inner­lich aus­höhlt. Denn wenn ich mich damit abge­fun­den habe, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, dann habe ich auf­ge­hört zu hun­gern. Dann habe ich auf­ge­hört zu hof­fen. Dann habe ich auf­ge­hört zu glau­ben, dass Got­tes Reich wirk­lich kom­men kann – mit­ten hin­ein in die­se zer­bro­che­ne, blu­ten­de, schrei­en­de Welt.

Jesus ruft mich zu einem unbe­que­men Leben. Zu einem Leben, das nicht zur Ruhe kommt, solan­ge Unge­rech­tig­keit herrscht. Zu einem Leben, das sich nicht zufrie­den gibt mit den Ver­hält­nis­sen, wie sie sind. Zu einem Leben, das kämpft, das sich ein­setzt, das nicht schweigt, wo Unrecht geschieht. Doch Jesus belässt es nicht beim Hun­ger. Er ver­heißt Sät­ti­gung: „Sie sol­len satt wer­den!” Das ist kei­ne Ver­trö­stung auf das Jen­seits. Es ist eine Zusa­ge, dass der Hun­ger nicht umsonst ist. Dass die Sehn­sucht gestillt wird. Dass Gott selbst für Sät­ti­gung sorgt.

Die Sät­ti­gung besteht zunächst dar­in, dass Gott mich gerecht macht. Dass er mir sei­ne Gerech­tig­keit schenkt. Dass ich vor ihm bestehen kann, nicht auf­grund mei­ner Wer­ke, son­dern auf­grund sei­nes Erbar­mens. Die­se Sät­ti­gung erle­be ich schon jetzt, im Glau­ben. Ich darf wis­sen, dass ich ange­nom­men bin, dass ich geliebt bin, dass ich zu ihm gehö­re.

Aber die voll­kom­me­ne Sät­ti­gung liegt noch vor mir. Sie wird kom­men, wenn Got­tes Reich voll­stän­dig auf­ge­rich­tet wird. Wenn alle Unge­rech­tig­keit besei­tigt ist. Wenn Gott alles in allem sein wird. Wenn sei­ne Gerech­tig­keit die gan­ze Schöp­fung durch­dringt. Dann wird mein Hun­ger gestillt sein. Dann wird mein Durst gelöscht sein.

Bis dahin lebe ich in der Span­nung. Ich bin schon gerecht gemacht durch Chri­stus, und doch erle­be ich noch die Macht der Sün­de. Ich sehe schon das Reich Got­tes anbre­chen, und doch herrscht noch das Unrecht. Ich bin schon gesät­tigt durch Got­tes Gna­de, und doch hun­ge­re ich wei­ter nach der voll­kom­me­nen Gerech­tig­keit, die noch aus­steht. Die­se Span­nung aus­zu­hal­ten ist schwer. Ich nei­ge dazu, ent­we­der zu resi­gnie­ren oder zu fana­ti­sie­ren. Ent­we­der gebe ich den Hun­ger auf und arran­gie­re mich mit der Unge­rech­tig­keit. Oder ich ver­su­che, das Reich Got­tes mit Gewalt her­bei­zu­zwin­gen, und wer­de dabei selbst unge­recht. Bei­des ist nicht der Weg, den Jesus weist.

Jesus ruft zu einem nüch­ter­nen, gedul­di­gen, aus­dau­ern­den Hun­gern. Zu einem Hun­ger, der mich wach hält, der mich in Bewe­gung hält, der mich treibt zu tun, was ich tun kann. Aber zu einem Hun­ger, der zugleich weiß, dass die letz­te Sät­ti­gung von Gott kommt, nicht von mir.

In den kom­men­den Tagen und Wochen will ich mich prü­fen: Wonach hun­ge­re ich wirk­lich? Was treibt mich um? Was ver­zehrt mich? Und ich will Gott bit­ten, mir einen grö­ße­ren Hun­ger nach sei­ner Gerech­tig­keit zu schen­ken. Einen Hun­ger, der mich nicht ruhen lässt. Einen Hun­ger, der mich ver­än­dert. Einen Hun­ger, der mich zu einem Werk­zeug sei­ner Gerech­tig­keit macht.

Ich will beten: Herr, ent­fa­che in mir den tie­fen Hun­ger nach dei­ner Gerech­tig­keit. Bewah­re mich davor, gleich­gül­tig zu wer­den, wo Unrecht geschieht, und lass mich nicht satt im eige­nen Glück ver­wei­len. Drän­ge mich hin­aus mit dei­ner uner­mess­li­chen Lie­be zu die­ser Welt. Stil­le mein Seh­nen mit der unum­stöß­li­chen Gewiss­heit, dass du alles zum Guten führst und dein Reich sich voll­endet. Amen.

Wer nach Got­tes Gerech­tig­keit hun­gert, wird nie leer blei­ben, denn Gott selbst stillt die­sen Durst.

Gelobt und geprie­sen sei der Herr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert