Heute sitze ich mit diesem Bibelwort, und es lässt mich nicht los. “Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe” (1.Johannes 4,21). Es klingt so einfach, so klar. Und doch spüre ich, wie sich in mir etwas sträubt, wie eine stille Unruhe aufsteigt. Ich will ehrlich sein, hier in der Stille, wo niemand außer Gott meine Gedanken hört: Diese Liebe zu den Geschwistern im Glauben fällt mir manchmal schwer.
Und ich frage mich – warum? Vielleicht, weil es unter den Geschwistern auch solche gibt, die mir unangenehm sind, die mich herausfordern, die mir mit ihrem Wesen, ihrem Verhalten, ihren Worten nicht leichtfallen. Menschen, die mich nervös machen, die mich verletzen, die mich mit ihrer Art an Grenzen bringen, die ich lieber umgehen würde. Und doch stehen sie da, mitten in der Gemeinde, mitten im Volk Gottes, als Brüder und Schwestern, die Er mir nicht zur Auswahl gestellt hat, sondern mir anvertraut hat. Manchmal spüre ich, wie ich innerlich zurückweiche, wie ich mich verschließe, wie ich mich lieber in die Stille flüchten würde, statt mich ihnen zuzuwenden. Aber gerade dort, in dieser inneren Abwehr, höre ich das Wort noch einmal: Wer Gott liebt, der liebe auch seinen Bruder. Nicht den angenehmen, nicht den freundlichen, nicht den, der mir leichtfällt; sondern den, den Gott mir vor die Füße stellt.
Ich habe mich heute gefragt, warum das so ist. Warum fühlt sich dieses Gebot manchmal wie eine Last an, wie eine Forderung, die ich nicht erfüllen kann? Ich liebe Gott, das glaube ich wirklich. Ich sehne mich nach seiner Nähe, ich suche ihn im Gebet, ich lese sein Wort. Aber die Geschwister?
Da wird es manchmal kompliziert. Da gibt es die, die mich verletzen, die mich missverstehen, die anders denken als ich. Da gibt es die, die mich nerven mit ihrer Art, die zu laut sind oder zu leise, zu fromm oder zu weltlich. Und dann gibt es die, vor denen ich mich verstecken möchte, weil ich nicht gut genug bin, nicht heilig genug, nicht stark genug im Glauben.
Die Liebe Gottes ist nicht gleich unsere Liebe. Das ist wahr. Gottes Liebe ist bedingungslos, unerschöpflich, rein. Unsere Liebe ist bruchstückhaft, abhängig von Stimmungen, von Sympathie, von Verletzungen, die wir erlitten haben. Unsere Liebe ermüdet. Sie wird ungeduldig. Sie zieht Grenzen. Sie sagt: Bis hierher und nicht weiter. Gottes Liebe kennt diese Grenzen nicht. Sie liebt den Verräter, den Zweifler, den Versager. Sie liebt mich, obwohl ich so oft versage. Und sie liebt meinen Bruder, meine Schwester, obwohl sie mich verletzen.
Johannes schreibt dieses Wort nicht als freundlichen Vorschlag. Er schreibt es als Gebot. Das erschreckt mich ein wenig. Ein Gebot duldet keine Ausnahmen, keine Ausflüchte. Es gibt keine Liste von Menschen, die ich ausnehmen darf von dieser Liebe. Es gibt keine Kategorie von Geschwistern, die so schwierig sind, dass Gott ein Auge zudrückt, wenn ich sie nicht liebe. Das Gebot ist klar: Wer Gott liebt, der liebt auch seinen Bruder. Punkt.
Aber wie soll das gehen? Wie liebe ich jemanden, der mich verletzt hat? Wie liebe ich jemanden, dessen Verhalten ich ablehne? Wie liebe ich jemanden, mit dem ich nichts gemeinsam zu haben scheine außer dem Glauben, und selbst der wird so unterschiedlich gelebt? Ich merke, dass ich hier an eine Grenze komme, an meine eigene Unfähigkeit. Und vielleicht ist das genau der Punkt, an dem dieses Wort mich haben will. Vielleicht geht es gar nicht darum, dass ich aus mir selbst heraus diese Liebe produziere. Vielleicht ist die Geschwisterliebe nicht etwas, das ich einfach beschließen kann, wie man eine Aufgabe beschließt. Vielleicht ist sie ein Geschenk, das ich empfangen muss, das durch mich hindurchfließen muss.
Gottes Liebe zu mir muss weiterfließen zu meinem Bruder, zu meiner Schwester. Ich bin nur das Gefäß, der Kanal. Wenn ich mich verschließe, wenn ich mich weigere, diese Liebe weiterzugeben, dann blockiere ich nicht nur den Fluss zu anderen, sondern auch zu mir selbst.
Ich erinnere mich an eine Begebenheit vor einiger Zeit. Eine Schwester im Glauben hatte etwas über mich gesagt, das nicht stimmte. Es verletzte mich tief. Ich zog mich zurück, vermied sie, baute eine Mauer. Ich dachte, ich schütze mich damit. Aber in Wahrheit schnitt ich mich ab von der Gemeinschaft, von der Freude, von der Lebendigkeit des gemeinsamen Glaubens. Die Mauer, die ich baute, um sie draußen zu halten, hielt auch Gott draußen. Erst als ich mich überwand, das Gespräch zu suchen, erst als ich ihr vergab und versuchte, sie trotz allem als Schwester zu sehen, erst da spürte ich wieder Freiheit. Nicht weil sie sich entschuldigt hätte, das tat sie nicht. Sondern weil ich aufhörte, mein Herz zu verschließen. Und heute, wenn ich daran zurückdenke, spüre ich, wie sehr Gott mich damals geführt hat – nicht durch äußere Zeichen, sondern durch ein stilles Drängen im Inneren, ein sanftes, aber beharrliches „Lass los“.
Es war, als würde Er mir zeigen: Die Verletzung war real, aber die Kälte, die ich daraus machte, war nicht Sein Weg. Ich merke, wie leicht ich mich in meinen eigenen Empfindungen verfangen kann, wie schnell ich mich rechtfertige, wie schnell ich sage: „Ich habe doch Grund, verletzt zu sein.“ Und doch, sobald ich Ihm Raum gebe, sobald ich zulasse, dass Seine Liebe stärker ist als meine Wunde, beginnt etwas in mir zu heilen. Nicht die Situation, nicht die Worte der Schwester – sondern mein Herz. Vielleicht ist das die eigentliche Freiheit, die Er schenkt: nicht dass die anderen sich ändern, sondern dass ich mich nicht mehr von ihnen gefangennehmen lasse.
Die Geschwisterliebe ist tatsächlich eine große Herausforderung für uns Menschen. Sie fordert uns heraus, über unsere natürlichen Grenzen hinauszugehen. Sie fordert uns heraus, nicht nach Sympathie zu gehen, sondern nach Gehorsam. Sie fordert uns heraus, die Menschen nicht mit unseren Augen zu sehen, sondern mit Gottes Augen. Und Gott sieht in jedem Bruder, in jeder Schwester sein geliebtes Kind, für das Christus gestorben ist. Wenn ich das wirklich glauben würde, wenn ich das wirklich sehen würde, wenn ich wirklich leben würde, wie könnte ich dann anders, als zu lieben?
Ich muss zugeben, dass mich dieser Gedanke auch ermahnt. Er zeigt mir, wie klein meine Liebe oft ist, wie eng mein Herz, wie schnell ich urteile und verurteile. Er zeigt mir, dass ich noch weit entfernt bin von dem Maß der Liebe, das Christus von mir erwartet. Aber diese Ermahnung kommt nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sie kommt sanft, wie ein Ruf, der mich nach Hause holen will. Sie sagt: Du kannst mehr. Du bist für mehr geschaffen. Lass dich nicht einengen von deinen Verletzungen und deinen Urteilen. Öffne dein Herz.
Zugleich finde ich in diesem Wort auch Trost. Denn es zeigt mir, dass Gott mich ernst nimmt in meinem Kampf. Er gibt mir dieses Gebot nicht, um mich zu überfordern, sondern um mich zu formen. Er weiß, dass ich schwach bin. Er weiß, dass ich versage. Aber er gibt mir trotzdem diesen Auftrag, weil er mir zutraut, dass ich wachsen kann in der Liebe. Jeden Tag ein wenig mehr. Jeden Tag ein bisschen weiter über meine Grenzen hinaus.
Und er gibt mir nicht nur das Gebot, er gibt mir auch die Kraft dazu. Seine Liebe in mir ist die Quelle. Ich muss nur bereit sein, mich von ihr erfüllen und durchströmen zu lassen. Ich muss bereit sein, meine Mauern einzureißen, meine Vorbehalte loszulassen, meine Verletzungen zu vergeben. Das ist nicht leicht. Das wird niemals leicht sein. Aber es ist möglich. Mit Gott ist es möglich.
Heute will ich einen kleinen Schritt tun. Ich will an einen Bruder denken, mit dem ich Schwierigkeiten habe, und ich will für ihn beten. Nicht mit schönen Worten, sondern ehrlich. Ich will Gott sagen, was mich stört, was mich verletzt, und ich will ihn bitten, mir zu helfen, diesen Menschen mit anderen Augen zu sehen. Ich will bereit sein, mein Herz öffnen zu lassen. Ich will lernen, dass die Geschwisterliebe nicht ein Gefühl ist, das von selbst kommt, sondern eine Entscheidung, die ich jeden Tag neu treffe, ja, treffen muss.
Die Liebe zum Bruder ist mein Ringen, aber sie ist auch mein Weg zu Gott. Denn wie kann ich sagen, dass ich Gott liebe, den ich nicht sehe, wenn ich meinen Bruder nicht liebe, den ich sehe? (1.Johannes 4,20). Johannes stellt mir diese Frage, und ich muss sie mir gefallen lassen. Sie entlarvt meine Frömmigkeit, wenn sie nur nach innen gerichtet ist, wenn sie nur mich und Gott betrifft, aber die Gemeinschaft ausklammert. Wahrer Glaube zeigt sich in der Liebe zu den Geschwistern. Das ist unbequem, aber es ist wahr.
So sitze ich hier mit diesem Wort, und ich nehme es an. Ich nehme die Ermahnung an, die Herausforderung, aber auch den Trost. Ich bitte Gott, mich zu lehren, was es heißt, meinen Bruder, meine Schwester zu lieben. Nicht aus eigener Kraft, sondern aus seiner Kraft. Nicht aus religiöser Pflicht, sondern aus Dankbarkeit für die Liebe, die mir geschenkt wurde.
Ich möchte beten: Herr, du kennst mein Herz und mein Ringen. Du weißt, wie schwer mir die Liebe zu meinen Geschwistern manchmal fällt. Vergib mir meine Härte, mein Urteilen, meine Mauern. Lehre mich, mit deinen Augen zu sehen. Schenke mir ein weites Herz, das Raum hat für die, die anders sind als ich. Lass deine Liebe durch mich fließen, auch wenn ich nicht verstehe, wie das gehen soll. Ich vertraue dir. Amen.
Denn die Geschwisterliebe ist der sichtbare Beweis meiner unsichtbaren Liebe zu Gott. Gelobt und gepriesen sei der Herr.