Das Maß, mit dem wir messen: Über Barmherzigkeit leben!

Ein Bibelwort fordert mich unmittelbar heraus: „Glückselig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen!“ (Matthäus 5,7). Es gehört zu jenen Aussagen Jesu, die keine Distanz zulassen und mich nicht als unbeteiligten Beobachter stehen lassen. Stattdessen sprechen sie mich direkt an und machen unmissverständlich klar: So wie du deinen Mitmenschen begegnest, so wird auch dir begegnet werden.

Diese Verknüpfung erschreckt mich. Wenn ich Barmherzigkeit erlangen will, muss ich selbst barmherzig sein. Gottes Barmherzigkeit ist nicht bedingungslos verfügbar, unabhängig davon, wie ich lebe. Sie ist untrennbar mit meiner eigenen Bereitschaft verbunden, Barmherzigkeit zu zeigen. Das ist ein nüchterner und zugleich ernüchternder Gedanke. Jesus lässt mir hierbei keine Hintertür offen.

Und wenn ich ehrlich bin, sehe ich diese Unbarmherzigkeit nicht irgendwo weit weg, sondern in mir selbst. Wie schnell urteile ich, wie rasch ziehe ich mich zurück, wie oft verschließe ich mein Herz, weil mir jemand mühsam erscheint oder weil ich mich verletzt fühle. Ich rede von Christus, ich schreibe über seine Liebe, ich berufe mich auf sein Evangelium – und doch ist meine eigene Barmherzigkeit so oft klein, brüchig, unzuverlässig. Manchmal erschreckt mich das. Denn ich merke, wie leicht ich mich hinter frommen Worten verstecken kann, während mein Herz hart bleibt. Vielleicht ist es genau das, was Jesus mit seinem Wort aufbrechen will: dass ich nicht nur von seiner Liebe spreche, sondern sie wirklich lebe, dort, wo es mich etwas kostet, dort, wo ich mich überwinden muss, dort, wo ich mich selbst verleugnen muss. Barmherzigkeit ist kein Gefühl, sondern eine Entscheidung – und sie beginnt immer zuerst in mir.

Ich denke an die Situationen in meinem Leben, in denen mir Unbarmherzigkeit begegnet ist. Die harten Urteile, die gefällt wurden. Die mangelnde Nachsicht, wenn ich Fehler machte. Die fehlende Vergebung, als ich schuldig wurde. Wie sehr habe ich darunter gelitten! Wie sehr habe ich mir Barmherzigkeit gewünscht, Verständnis, eine zweite Chance!

Und dann schaue ich auf mein eigenes Verhalten. Wie schnell urteile ich über andere! Wie hart bin ich in meinen Bewertungen! Wie wenig Verständnis bringe ich auf für menschliche Schwächen! Wie schwer fällt es mir, zu vergeben! Ich, der ich so sehr nach Barmherzigkeit dürstet, wenn es um mich selbst geht, bin oft unbarmherzig, wenn es um andere geht.

Jesus deckt diese Doppelmoral schonungslos auf. Er erzählt das Gleichnis vom Schalksknecht (Matthäus 18,23–35), dem eine riesige Schuld erlassen wurde und der dann seinem Mitknecht eine winzige Schuld nicht erlassen wollte. Die Pointe ist erschütternd: Der Herr nimmt die Vergebung zurück und übergibt den unbarmherzigen Knecht den Peinigern. Jesus schließt mit den Worten: „So wird auch mein Vater im Himmel jeden von euch behandeln, der seinem Bruder nicht von Herzen vergibt“ (Matthäus 18,35).

Das ist kein mildes, harmloses Evangelium. Das ist eine klare Ansage: Wer selbst keine Barmherzigkeit übt, wird auch keine Barmherzigkeit erlangen. Das Maß, mit dem ich messe, wird auch für mich angewandt werden. Ich kann nicht erwarten, dass Gott mit mir barmherzig ist, wenn ich selbst unbarmherzig bin.

Was bedeutet Barmherzigkeit? Das deutsche Wort kommt von „barmherzig“, einem Herzen, das sich erbarmt. Es ist mehr als Mitleid. Mitleid kann aus der Distanz geschehen, kann passiv bleiben. Barmherzigkeit dagegen ist aktiv. Sie sieht die Not des anderen und handelt. Sie nimmt teil am Leid. Sie greift ein. Sie hilft.

Barmherzigkeit hat zwei Seiten. Da ist zunächst die soziale Barmherzigkeit. Die Bereitschaft, den Bedürftigen zu helfen. Den Hungrigen zu speisen, den Durstigen zu tränken, den Fremden aufzunehmen, den Nackten zu kleiden, den Kranken zu besuchen, den Gefangenen beizustehen. Jesus wird am Ende der Zeiten genau danach fragen. Hast du mir zu essen gegeben? Hast du mich besucht? Was du einem dieser Geringsten getan hast, das hast du mir getan (Matthäus 25,31–46).

Wie steht es um meine soziale Barmherzigkeit? Sehe ich die Not um mich herum? Oder gehe ich mit verschlossenen Augen durchs Leben? Wie oft habe ich weggeschaut, wenn mir Bedürftigkeit begegnete? Wie oft habe ich mein Herz verhärtet, um nicht helfen zu müssen? Wie oft habe ich Ausreden gefunden: Man kann nicht jedem helfen. Man weiß nie, ob sie das Geld nicht für Alkohol ausgeben. Das sind doch alles Betrüger.

Doch Jesus fragt nicht nach der Würdigkeit des Empfängers. Er fragt nach der Barmherzigkeit des Gebers. Er verlangt von mir nicht, dass ich überprüfe, wer meine Hilfe verdient. Er verlangt von mir, dass ich ein barmherziges Herz habe. Ein Herz, das sich erbarmt. Ein Herz, das nicht kalt vorbeigehen kann an menschlicher Not.

Dann ist da die zweite Seite der Barmherzigkeit: die Vergebung. Barmherzigkeit bedeutet, mit den Fehlern anderer nachsichtig umzugehen. Nicht auf meinem Recht zu bestehen. Schuld zu vergeben. Einen Neuanfang zu ermöglichen. Nicht nachtragend zu sein. Nicht aufzurechnen. Nicht zu verurteilen.

Vielleicht fällt mir gerade diese Art der Barmherzigkeit so leicht, weil ich selbst so unendlich viel davon empfangen habe. Wenn ich an mein eigenes Leben denke, an all die Male, in denen Gott mich nicht festgehalten hat an meinem Versagen, sondern mich neu hat beginnen lassen, dann spüre ich, wie selbstverständlich es für mich geworden ist, anderen zu vergeben. Da ist kein Groll, kein inneres Aufrechnen, kein Bedürfnis, jemanden festzuhalten an dem, was war. Ich weiß, wie befreiend es ist, wenn Gott mir meine Schuld nicht nachträgt – und genau diese Freiheit möchte ich weitergeben. Vielleicht ist das der Grund, warum Vergebung für mich kein Kampf ist, sondern fast wie ein Reflex: Ich lasse los, weil ich selbst losgelassen wurde. Ich vergebe, weil mir vergeben wurde. Und in diesem stillen Weitergeben seiner Barmherzigkeit spüre ich etwas von dem Herzschlag Gottes in mir.

Aber die soziale Barmherzigkeit – die, die sich zeigt, die, die mich aus meiner Komfortzone herausruft, die, die mich zwingt, stehenzubleiben, hinzusehen, mich nicht unsichtbar zu machen – sie fordert mich viel mehr heraus. Ich sehe die Menschen hier in Berlin, die auf der Straße leben, und ich spüre dieses innere Ringen: zwischen dem Wunsch zu helfen und der Angst, überfordert zu werden; zwischen Mitgefühl und Erschöpfung; zwischen dem Impuls zu geben und dem Bedürfnis, mich zu schützen. Vielleicht ist es genau hier, wo Jesus mich am tiefsten berührt: nicht in den großen Gesten, sondern in den kleinen Momenten, in denen ich mich entscheide, nicht wegzusehen.

Barmherzigkeit ist manchmal ein Münzstück, manchmal ein Blick, manchmal ein stilles Gebet – und manchmal einfach der Mut, nicht vorbeizugehen.

Jesus aber sagt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ (Lukas 6,36). Er verweist mich auf Gottes Barmherzigkeit als Maßstab. Und wie ist Gott barmherzig? Darauf antwortet Jesus: „So erweist ihr euch als Kinder eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne über Böse und Gute aufgehen und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Matthäus 5,45). Er vergibt immer wieder. Er gibt neue Chancen. Er rechnet nicht auf. Er verurteilt nicht vorschnell.

Wenn ich auf mein eigenes Leben schaue, muss ich bekennen: Ich lebe von Gottes Barmherzigkeit. Jeden Tag. Jede Stunde. Ohne seine Barmherzigkeit wäre ich verloren. Ich bin nicht gerecht. Ich bin nicht vollkommen. Ich versage immer wieder. Und doch nimmt Gott mich an. Doch erbarmt er sich meiner. Doch vergibt er mir. Doch gibt er mir neue Chancen.

Diese Barmherzigkeit, die ich täglich empfange, soll mich verwandeln. Sie soll aus mir einen barmherzigen Menschen machen. Nicht weil ich damit Gottes Barmherzigkeit verdiene. Sondern weil ich, wenn ich selbst Barmherzigkeit empfangen habe, gar nicht anders kann, als barmherzig zu sein. Die empfangene Barmherzigkeit fließt durch mich hindurch zu anderen.

Das ist der eigentliche Kern dieser Seligpreisung. Es geht nicht um ein Tauschgeschäft. Nicht um: Ich bin barmherzig, damit Gott barmherzig zu mir ist. Das wäre Werkgerechtigkeit. Es geht vielmehr um einen geistlichen Zusammenhang: Wer Gottes Barmherzigkeit wirklich erfahren hat, wird selbst barmherzig. Und wer selbst barmherzig ist, zeigt damit, dass er Gottes Barmherzigkeit verstanden hat. Die Unbarmherzigkeit ist ein Zeichen dafür, dass ich Gottes Barmherzigkeit noch nicht wirklich erfasst habe. Dass ich meine, ich hätte sie verdient. Dass ich meine, ich wäre besser als andere. Dass ich meine, ich hätte ein Recht auf Gottes Gnade. Doch Gnade ist nie ein Recht. Gnade ist immer unverdient. Und wer das erkannt hat, der kann nicht anders, als selbst gnädig zu sein.

Jesus macht deutlich: Es gibt einen untrennbaren Zusammenhang zwischen vertikaler und horizontaler Barmherzigkeit. Zwischen der Barmherzigkeit, die ich von Gott empfange, und der Barmherzigkeit, die ich anderen erweise. Beides gehört zusammen. Ich kann nicht Gottes Barmherzigkeit empfangen wollen und zugleich anderen die Barmherzigkeit verweigern. Das schließt sich aus. Im Vaterunser beten wir: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Dieses „wie auch wir“ ist entscheidend. Es verknüpft Gottes Vergebung mit meiner Bereitschaft zu vergeben.

Jesus sagt nach dem Vaterunser: „Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben“ (Matthäus 6,14-15).

Das sind harte Worte. Sie lassen keine Ausflüchte zu. Ich kann nicht ein bequemes Christentum leben, in dem ich Gottes Gnade genieße, aber selbst hart und unbarmherzig bleibe. Das funktioniert nicht. Gottes Gnade verwandelt. Sie macht aus unbarmherzigen Menschen barmherzige Menschen.

Wie werde ich barmherziger? Alles beginnt damit, dass ich tief in meinem Inneren begreife, wie sehr ich selbst von Gottes Barmherzigkeit zehre. Es verlangt von mir, meine eigene Bedürftigkeit einzugestehen, mich nicht über andere zu erheben und zu verinnerlichen: Ich bin letztlich nur ein Bettler, der anderen Bettlern den Weg zum Brot zeigt. Von diesem Fundament aus führt der Weg über das bewusste Einüben im Alltag. Es bedeutet, die Augen für die Not in meiner Umgebung offen zu halten, zu helfen, wo immer es möglich ist, und zu teilen, was mir gegeben wurde. Mein Herz darf nicht hart werden. Vor allem aber heißt Barmherzigkeit: vergeben. Immer und immer wieder vergeben, ohne kleinlich aufzurechnen oder nachtragend zu sein. Es bedeutet, Menschen unermüdlich eine neue Chance zu schenken.

Das hat seinen Preis. Barmherzigkeit gibt es nicht zum Nulltarif – sie fordert Zeit, finanzielle Mittel, Kraft und innere Überwindung. Vor allem verlangt sie den Mut zur Verletzlichkeit. Wer ewig nachtragend ist, schützt sich; wer vergibt, öffnet sich. Wer anderen unter die Arme greift, läuft Gefahr, ausgenutzt zu werden. Doch Jesus verspricht kein bequemes Dasein, sondern ruft uns in seine kompromisslose Nachfolge. Er selbst ist uns im Erbarmen vorausgegangen.

In den kommenden Tagen halte ich bewusst Ausschau nach Gelegenheiten, barmherzig zu handeln. Ich möchte die Not um mich herum wahrnehmen und dort tatkräftig helfen, wo ich gebraucht werde. Zudem nehme ich mir vor, Menschen, die mir Unrecht getan haben, mit anderen Augen zu sehen und ihnen zu vergeben – nicht, weil sie es verdienen, sondern weil ich selbst jeden Tag auf Barmherzigkeit und Vergebung angewiesen bin.

Ich möchte beten: Herr, erbarme dich meiner. Schenke mir ein tieferes Verständnis dafür, dass ich gänzlich aus deiner Barmherzigkeit lebe. Verwandle mich durch deine Gnade und mache mich zu einem barmherzigen Menschen. Öffne meine Augen für die Nöte der Menschen um mich herum und schenke mir ein Herz, das bereit ist zu vergeben. Amen.

Das Herz, das Gottes Barmherzigkeit empfangen hat, kann gar nicht anders, als selbst barmherzig zu sein.

Gelobt und gepriesen sei der Herr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert