Heute sitze ich vor einem Wort, das mich verstört und zugleich tröstet: „Glückselig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn ihrer ist das Reich der Himmel!“ (Matthäus 5,10). Es ist die achte und letzte Seligpreisung, und sie schließt den Kreis. Sie beginnt wie die erste mit derselben Verheißung: „das Reich der Himmel.“ Aber der Weg dorthin führt durch Verfolgung.
Verfolgung. Das Wort klingt schwer in meinen Ohren. Es erinnert mich an die Märtyrer der frühen Kirche, die für ihren Glauben starben. An die unzähligen Christen heute, die in vielen Ländern dieser Welt bedrängt, verfolgt, gefoltert, getötet werden. An die Glaubenszeugen, die um ihres Bekenntnisses willen alles verloren haben. Verfolgung ist keine abstrakte Idee. Sie ist blutige Realität.
Jesus spricht nicht von einer vagen Möglichkeit. Er sagt nicht: „Glückselig sind, die vielleicht verfolgt werden“ oder „die möglicherweise Schwierigkeiten haben.“ Seine Worte sind unmissverständlich: „Glückselig sind, die verfolgt werden.“ Damit macht er deutlich, dass Verfolgung kein Ausnahmezustand ist, sondern zum normalen Alltag eines Christen gehört. Wer Jesus konsequent nachfolgt, muss mit Widerstand rechnen – er ist unvermeidlich.
Das erschreckt mich. Denn ich lebe in einer Zeit und an einem Ort, wo ich relativ sicher bin. Wo ich meinen Glauben frei bekennen kann, bekennen darf – noch! Wo niemand mich mit dem Tod bedroht, weil ich Christ bin. Wo ich nicht fürchten muss, verhaftet zu werden, weil ich bete. Sollte ich nicht dankbar dafür sein? Bin ich überhaupt berechtigt, über Verfolgung nachzudenken, wenn ich sie selbst kaum erlebt habe?
Und doch merke ich, wie sich hier in Deutschland bereits etwas verschoben hat. Nicht offen, nicht brutal, aber spürbar. In den Medien tauchen immer häufiger negative Darstellungen auf, Bewertungen, die nicht der Wahrheit entsprechen. Menschen, die einfach nur bibeltreu leben wollen, werden plötzlich in die rechte Ecke gedrängt, als „Nazis“ bezeichnet, als Gefahr für die Gesellschaft. Es ist keine Verfolgung, die mit Gewalt kommt, aber sie kommt mit Worten, mit Etiketten, mit Verzerrungen. Und manchmal frage ich mich, wie lange diese Freiheit, in der ich lebe, noch so selbstverständlich sein wird.
Aber dann frage ich mich: Warum gibt es Christen, die keine Verfolgung erleiden? Liegt es daran, dass ihr Christsein so angepasst, so verwässert, so harmlos ist, dass es niemandem auffällt? Dass es niemanden stört? Dass es keinen Widerspruch hervorruft? Ja, solche Christen gibt es nach wie vor.
Dann höre ich tief in meinem Herzen diese unmissverständlichen Worte Jesu, die damals wie heute Bestand haben: „Wenn die Welt euch hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt. Ein Knecht ist nicht größer als sein Herr. Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen“ (Johannes 15, 18-20). Das ist eine absolut klare, ungeschminkte und radikale Aussage unseres Herrn.
Echte Nachfolge führt unweigerlich zu Verfolgung und Gegenwind. Das bedeutet gewiss nicht immer die brutale, physische Verfolgung, wie sie Märtyrer erleiden. Aber es führt ganz sicher zu spürbarem Widerstand in unserem Umfeld. Zu offener Ablehnung unserer Werte. Zu unüberwindbarer Feindschaft. Zu echten Bedrängnissen im Alltag.
Wenn ich das in meinem persönlichen Leben über lange Zeit hinweg so gar nicht erfahre, muss ich mich ehrlich fragen: Folge ich Jesus eigentlich überhaupt noch kompromisslos nach? Oder habe ich meinen christlichen Glauben im Laufe der Zeit so harmlos, angepasst und zahm gemacht, dass er absolut niemanden mehr herausfordert – und am allerwenigsten mich selbst und meine bequeme Lebensweise?
Jesus sagt: „die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden“ – das ist wichtig. Nicht jede Verfolgung ist selig zu preisen. Es gibt Menschen, die leiden, weil sie dumm sind. Weil sie provozieren. Weil sie lieblos sind. Weil sie rechthaberisch sind. Weil sie fanatisch sind. Wer durch das eigene Verhalten Menschen provoziert, kann sich nicht auf die Verfolgung berufen. Echte Verfolgung entspringt weder mangelnder Klugheit noch Härte, sondern entfacht dort, wo Menschen den schlichten Versuch unternehmen, aufrichtig und gerecht zu leben – und gerade deshalb auf Widerstand stoßen. Petrus schreibt: „Niemand unter euch leide als Mörder oder Dieb oder Übeltäter oder als einer, der sich in fremde Angelegenheiten mischt. Leidet er aber als Christ, so schäme er sich nicht, sondern ehre Gott mit diesem Namen“ (1.Petrusbrief 4, 15-16).
Um der Gerechtigkeit willen. Das bedeutet: wegen des rechten Lebens. Wegen der Treue zu Gottes Geboten. Wegen des Eintretens für Wahrheit und Recht. Wegen des Bekenntnisses zu Jesus Christus. Wegen des Widerstands gegen das Böse. Wegen der Weigerung, sich anzupassen an die Maßstäbe dieser Welt.
Wenn ich für meinen Eigensinn leide, ist das keine Verfolgung um der Gerechtigkeit willen. Wenn ich für meine Selbstgerechtigkeit kritisiert werde, ist das keine selige Verfolgung. Wenn ich für meine Lieblosigkeit abgelehnt werde, ist das kein Martyrium. Nur wenn ich leide, weil ich Christus treu bin, weil ich seinem Wort folge, weil ich nach Gottes Willen lebe, nur dann ist es Verfolgung um der Gerechtigkeit willen.
Ich denke an die unterschiedlichen Formen von Verfolgung. Da ist zunächst die offene und brutale Gewalt: willkürliche Verhaftungen, Folter und grausame Hinrichtungen, wie sie heute in vielen Ländern an der Tagesordnung sind. Christen werden gewaltsam aus ihren Häusern vertrieben, ihre Kirchen niedergebrannt und Gläubige kaltblütig ermordet. Diese Brüder und Schwestern bezahlen ihre unerschütterliche Treue zu Christus oft mit ihrem eigenen Leben.
Dann gibt es die subtilere Form der Verfolgung. Die gesellschaftliche Ächtung. Der Verlust des Arbeitsplatzes. Die Ausgrenzung aus der Familie. Der Spott und die Verachtung. Die ständige Herabsetzung. Das Lächerlichmachen des Glaubens. Diese Form der Verfolgung tut auch weh, auch wenn sie nicht blutig ist.
Und da ist die innere Versuchung, den Glauben zu verleugnen oder zu verwässern, um Verfolgung zu entgehen: die Anfechtung zu schweigen, wo Worte gefragt sind, sich anzupassen, wo Widerspruch nötig wäre, und den Mund zu halten, wo das Bekenntnis zählt. Gerade weil sie so subtil daherkommt, ist diese Versuchung vielleicht die gefährlichste von allen.
Jesus warnt mehrfach vor der Versuchung, ihn zu verleugnen. Er sagt: „Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater“ (Matthäus 10, 32-33). Das ist eine ernste Warnung. Anpassung kann zur Verleugnung werden. Jesus ruft dazu auf, sich öffentlich und furchtlos zu ihm zu bekennen – selbst wenn man dafür Nachteile oder Ablehnung erfährt. Wer das tut, dem verspricht er, dass er sich vor Gott (seinem himmlischen Vater) ebenfalls zu diesem Menschen bekennen wird. Umgekehrt zieht das Verleugnen Jesu vor Menschen eine Zurückweisung vor Gott nach sich.
Paulus schreibt an Timotheus: „Alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Verfolgung leiden“ (2. Timotheus 3,12). Alle – ohne Ausnahme. Nicht nur einige wenige, nicht nur die besonders radikalen Christen, sondern alle, die sich ernsthaft nach ihm ausrichten. Das bedeutet: Gegenwind und Verfolgung sind der Normalfall einer echten, tiefgehenden Jüngerschaft. Wenn ich im Alltag keinerlei Widerstand erfahre, sollte mich das zum Nachdenken bringen: Lebe ich eigentlich noch konsequent nach Seinem Maßstab?
Ich prüfe mein eigenes Leben. Wo erlebe ich Widerstand wegen meines Glaubens? Wo kostet mich meine Treue zu Christus etwas? Wo muss ich zurückstecken, weil ich Christ bin? Wo werde ich kritisiert, belächelt, ausgegrenzt? Und wenn die Antwort ist: Nirgends, dann muss ich mich fragen: Warum nicht? Vielleicht lebe ich zu angepasst. Vielleicht schweige ich zu oft. Vielleicht verstecke ich meinen Glauben zu sehr. Vielleicht bin ich zu feige, Position zu beziehen. Vielleicht ist mein Christsein so privat, so unsichtbar, so folgenlos, dass es niemand bemerkt. Das wäre eine niederschmetternde Erkenntnis.
Ich möchte Ihnen meine eigene Verfolgung erzählen… sie liegt nun fast genau ein Jahr zurück. Mein älterer Bruder und ich gerieten wieder einmal wegen meines Glaubens in eine heftige Auseinandersetzung. Er ein Freigeist, ich ein bibeltreuer Jünger Jesu – zwei unterschiedliche Weltanschauungen prallen aufeinander. Es wurde heftig diskutiert, Wortgefechte, und ich gab ihm klar zu verstehen, dass ich an der Seite Jesu bleibe, dass ich treu am Kreuz stehe, komme was wolle. Ich respektiere seine weltoffene Sicht, aber ich werde zu keinem Zeitpunkt meinen Glauben verleugnen.
Dann kam die Prüfung: Mein Bruder kündigte mir quasi die Freundschaft. „Mit einem Fundamentalisten wie dir will ich nichts mehr zu tun haben“, sagte er. Er beendete den Kontakt nach seinen Worten für immer. Seitdem ist Funkstille zwischen uns beiden. Die ganze Familie will mit mir nichts mehr zu tun haben. Das war eine Prüfung – und das ist Verfolgung.
Dieser heutige Bibelvers zeigt mir, wie schnell sich ein Leben verändern kann, wenn man eine Grenze zieht, die man nicht überschreiten will. Es war kein Streit über Kleinigkeiten, kein Missverständnis, das sich hätte klären lassen. Es war der Moment, in dem mein Bekenntnis nicht mehr in das Bild passte, das meine Familie von mir haben wollte. Und plötzlich wurde aus Nähe Distanz, aus Gesprächen Schweigen, aus Verbundenheit ein Bruch. Ich habe nichts getan außer ehrlich zu bleiben, mich zu Christus zu bekennen – und doch hat es gereicht, um ausgeschlossen zu werden. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie dünn der Boden manchmal ist, auf dem man steht, wenn man sich nicht verbiegen will, weil man zu Christus steht.
Und manchmal frage ich mich, wie viele Menschen ähnliche Erfahrungen machen, ohne darüber zu sprechen. Wie viele von ihnen merken erst im Rückblick, dass sich Beziehungen verändern, sobald der Glaube nicht mehr nur eine private Überzeugung ist, sondern sichtbar wird. Und ich frage mich, wie andere damit umgehen würden: Würden sie standhalten? Würden sie sich anpassen? Würden sie schweigen, um nicht anzuecken? Oder würden sie – trotz allem – bei dem bleiben, was ihnen im Innersten wahr und richtig erscheint? Diese Fragen lassen mich nicht los, und vielleicht stellen sie sich auch diejenigen, die das hier lesen.
Und je länger ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass echte Nachfolge immer einen Preis hat. Sie bleibt nicht unsichtbar, sie bleibt nicht folgenlos. Wer sich an Jesus bindet, wird früher oder später an einen Punkt kommen, an dem diese Bindung etwas kostet – Beziehungen, Zustimmung, Bequemlichkeit, vielleicht sogar den Platz, den man einmal in einer Familie oder Gemeinschaft hatte.
Nachfolge gibt es nicht zum Nulltarif. Sie fordert Klarheit, Standhaftigkeit und manchmal auch den Mut, allein weiterzugehen, wenn andere sich abwenden. Und vielleicht zeigt sich gerade darin, wie ernst es einem wirklich ist.
Ich möchte beten: Herr, schenke mir den Mut, dir unerschütterlich die Treue zu halten, selbst wenn es Schmerz oder Verzicht bedeutet. Schenke meinen verfolgten Brüdern und Schwestern göttliche Stärke und umfange sie tröstend in ihrer Not. Bereite mein Herz darauf vor, willig mein Kreuz zu tragen und dir bedingungslos dorthin zu folgen, wohin dein Weg mich führt. Amen.
Denn: Wer um der Gerechtigkeit willen leidet, trägt bereits die Krone des kommenden Reiches. Gelobt und gepriesen sei der Herr.